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Albert Bodner, Sozialpädagoge Therapeutische Wohngruppe in München Schwabing

„Die Jugendlichen lernen mehr voneinander als von uns“

Zusammenfassung: Albert Bodner arbeitet seit 1982 im kbo-Heckscher-Klinikum, seit 1987 leitet er dort die Therapeutische Wohngruppe in München Schwabing. Nun geht er in Ruhestand und erzählt im Interview von einer spannenden Zeit, verantwortungsvollen Aufgaben und Momenten, die ihn stolz gemacht haben.

Von Ruth Alexander am

Themen:

Warum wollten Sie Sozialpädagoge werden?

Ich bin mit einem technischen Beruf gestartet, wollte Elektroingenieur werden. Aber bald habe ich gemerkt, das ist nicht der Beruf, für den ich gemacht bin. Mir ist dann sehr schnell klar geworden, dass ich in einen helfenden Beruf gehen will. Also umsatteln auf Sozialpädagogik! Ich bin sehr froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Das hat sich als absolut richtig für mein Leben herausgestellt.

Sie gehen Ende Juni 2021 in den wohlverdienten Ruhestand. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge?

Das kann man so sagen. Ich habe mich schon lange darauf vorbereitet, das ist auch notwendig nach so langer Zeit. Schritt für Schritt hieß es dann Abschied nehmen. Vor Kurzem hatte ich meinen letzten Nachtdienst, denn das habe ich auch als Leiter die ganzen Jahre über gemacht. Ich freue mich auf meinen Ruhestand, aber es gibt sehr viel Verbundenheit mit dem Haus hier und mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – das ist der weinende Teil gewissermaßen. Und jetzt am Schluss noch diese Pandemie! Das hätte ich mir anders gewünscht. Aber auf der anderen Seite war es eine besondere Zeit, die besondere Energien erfordert hat, zusammen mit den Jugendlichen, quasi das Tüpfelchen auf dem „I“. 

39 Jahre kbo-Heckscher-Klinikum sind eine lange Zeit, seitdem hat sich viel verändert. Was war für Sie die eindrücklichste Veränderung und welchen Wandel haben Sie am ehesten erwartet?

Die äußeren Gegebenheiten, die Ansprüche der Eltern und der Jugendämter haben sich sehr verändert. Es gibt mehr Bürokratie, längere Entscheidungswege, viele Verfahren sind komplizierter geworden. Wir mussten uns sukzessive mit Qualitätsmanagement, Risikomanagement und so weiter auseinandersetzen. Innerhalb der WG hat sich gar nicht so viel verändert. Wir waren ja fast 30 Jahre zusammen. Ich kenne kein Team, das so lange stabil war wie unseres. Da besteht natürlich die Gefahr, dass man verkrustet. Aber andererseits hat das auch für Stabilität gesorgt, weil wir uns so gut kannten und eingespielt waren. Und das Wichtigste in der WG ist tatsächlich – wenn ich die fachlichen Dinge beiseitelasse –, dass man den Jugendlichen ein Beziehungs-Modell anbietet. Das ist eine Lebensgemeinschaft hier: Man lebt zusammen, man kocht zusammen, putzt zusammen, führt Gespräche, versucht die Jugendlichen wieder in die Schule zurück zu integrieren oder ins Berufsleben. Über diese wohltuende Atmosphäre entsteht die Voraussetzung dafür, dass die Jugendlichen weiterkommen. Klar muss man auch mal Grenzen ziehen und hart sein, jemanden entlassen. Aber im Wesentlichen geht es darum, eine gedeihliche Atmosphäre zu schaffen. Denn die Jugendlichen lernen dann mehr voneinander als von uns.

Gibt es etwas, auf das Sie in Ihrer Arbeit hier mit Stolz zurückblicken?

Vor ein paar Tagen bekam ich einen Brief von einer Jugendlichen, die vor acht Jahren hier war. Sie hat gehört, dass ich in den Ruhestand gehe und sich nochmal sehr bedankt, nicht nur bei mir, sondern bei uns allen. Die junge Frau hat wörtlich geschrieben, dass dieses Jahr in der Tristanstraße einen wichtigen Grundstein für ihr bisheriges Leben gelegt hat. Solche Rückmeldungen gibt es immer wieder, auch nach Jahren. Da blicke ich mit Stolz drauf. Oder unsere Ehemaligenfeste, zu denen wir alle Jugendlichen, die jemals bei uns waren, einladen. Da kommen oft bis zu achtzig Leute, zum Teil mit ihren Kindern, Menschen, die vor dreißig Jahren da waren und die die Tristanstraße noch immer in guter Erinnerung haben. Das macht es aus, eine bessere Bestätigung könnte ich mir nicht vorstellen. 

Welche Rolle hat die Wohngruppe für die Jugendlichen, welche Aufgabe erfüllt sie?

Der ursprüngliche Name der Therapeutischen Wohngruppe war „Übergangseinrichtung der Heckscher-Klinik“. Das klingt etwas technisch, trifft es aber ganz gut. Sie war übrigens – soweit ich weiß – die erste ihrer Art, die an eine Klinik angeschlossen war, ein Modellversuch. Man hat damals gemerkt, dass nach einem längeren Klinikaufenthalt oft ein Bindeglied fehlte: Zurück nach Hause oder in eine heilpädagogische Einrichtung zu gehen, war ein zu großer Sprung für die Jugendlichen. Es fehlte ein therapeutisches Setting, um ihnen den Übergang vom Klinikaufenthalt hin zu Schule oder Ausbildung beziehungsweise Berufsförderlehrgang in einem freieren Rahmen zu ebnen. Denn es hat sich gezeigt, dass das seine Zeit dauert. Bei uns haben sich die Verweildauern in den letzten dreißig Jahren nur minimal verändert, sie liegen zwischen einem und anderthalb Jahren. Erstmal brauchen die Jugendlichen eine Zeit, bis sie sich an das Setting gewöhnt haben. Dann geht es darum: Was mache ich beruflich, schulisch? Längstens zwei Jahre bleibt jemand bei uns. Wir wollen, dass die Jugendlichen alle mit einer Perspektive hier rausgehen. Solange sie hier sind, müssen sie übrigens auch einer Beschäftigung nachgehen, Schule oder Beruf. Monatelang nichts zu machen, das geht nicht. So ist unser Konzept.

Warum ist es wichtig für die Heranwachsenden, eine feste Bezugsperson im Team der WG zu haben?

Die Jugendlichen brauchen jemanden, mit dem sie sich reiben können, an den sie sich gewöhnen können, der sich um ihre Belange kümmert, schulisch oder beruflich, der immer bei den Familiengesprächen mit dabei ist und der ihre Interessen im Team vertritt. Der Bezugsbetreuer ist ihre Vertrauensperson, an die sie sich als erstes wenden. Diese umfangreiche Aufgabe hat sich sehr bewährt. Sie wird nach Kapazität vergeben, aber ein Stück weit auch nach therapeutischen Kriterien. Bei manchen Jugendlichen ist es uns wichtig, dass es ein Mann oder eine Frau ist, zum Beispiel bei einer Missbrauchsproblematik. Manchmal geht es natürlich auch um den Erfahrungshintergrund. Einer neuen, jungen Kollegin würde man wahrscheinlich nicht den schwersten Borderline-Fall anvertrauen.

Der Psychiatrie hängt ein Stigma an. Für Jugendliche ist es nach wie vor schwer, über ihre psychische Krankheit zu sprechen. Was könnte helfen, dieses Stigma aufzulösen?

Ich denke, das Stigma ist etwas aufgebrochen, im Vergleich zu früher. Es gibt mittlerweile mehr Akzeptanz, auch bei den Jugendlichen selbst. Heute erleben es die Eltern häufiger als Stigma. Was da hilft: den Eltern Angebote beim Erstkontakt machen. Sie müssen gut eingeführt werden in das Psychiatrie-Setting, sich nicht wie Bittsteller vorkommen. Sie haben das Recht, mit ihren Sorgen und Ängsten ernst genommen zu werden. Ich denke aber auch, dass man damit leben können muss, dass es gewisse Aversionen oder Stigmata gibt. Es wird nicht passieren, dass die Leute irgendwann sagen: „Wow, darf ich endlich mal in die Psychiatrie? Da wollte ich schon immer mal hin.“ Ich glaube eher, dass man versuchen sollte, das Thema Psychiatrie gebetsmühlenartig zu erklären und nahezubringen. Aber das Stigma werden wir wohl nie ganz loswerden.

Die Pandemie ist immer noch in aller Munde. Was hat sich hier im Team in der Arbeit mit den Jugendlichen verändert?

Am Anfang standen wir etwas im Regen, was die Regeln angeht. Wir bekamen Anweisungen von der Heimaufsicht der Regierung von Oberbayern, vom Stadtjugendamt, vom kbo-Heckscher-Klinikum. Die Koordination dieser Anforderungen hat ein bisschen gebraucht. Als das stand, haben wir ziemlich schnell ganz viele Außenkontakte reduziert, also kaum Ausgänge und keine Hausbesuche der Eltern mehr. Wir waren sehr strikt, weil wir vermeiden wollten, dass wir unter Umständen schließen müssen. Es gab einen Quarantäne-Bereich, also ein Zimmer, das wir nicht belegt haben. Das haben wir oft gebraucht, wenn jemand Symptome hatte oder bevor das Ergebnis eines PCR-Tests da war. Die Jugendlichen haben das alles super mitgemacht. Es wurde noch nie so viel Federball und Tischtennis gespielt im Garten! Wir haben auch mehr im Haus angeboten, unsere sämtlichen Ferienfreizeiten sind ja ausgefallen. Ich habe vor kurzem das erste Mal seit über einem Jahr mit einer Gruppe einen Ausflug in die Fröttmaninger Heide gemacht. Jetzt lockern wir langsam. Aber wir hatten sehr strenge Regeln, zum Teil strenger als in der Klinik, weil die Jugendlichen ja auch in der Schule waren. Zweimal in der Woche wurden alle getestet. Wir vertreten die Haltung: Lieber etwas länger vorsichtig sein als zu früh alles öffnen. Wir haben es bis hierher so gut geschafft und so lange, da will man das Erreichte nicht aufs Spiel setzen. Ich bin wirklich stolz auf die Jugendlichen, wie sie das angenommen haben. Unser Motto war „Das Einhalten der Hygieneregeln ist ein Zeichen der Solidarität für die anderen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner.“ 

Auf was freuen Sie sich am meisten im neuen (Un-)Ruhestand-Modus?

Dass ich meine Zeit viel freier einteilen kann. Und es wird endlich mal durchgängig freie Wochenenden geben. Das habe ich 30 Jahre lang nicht gehabt, weil ich jedes zweite Wochenende gearbeitet habe. Ich freue mich auch auf meinen Garten und meine vielen kleinen Hobbys wie Lesen oder Bogenschießen oder Freunde treffen. Zeit freier nutzen zu können für schöne Dinge, das werde ich genießen.

Gibt es etwas, was Sie noch loswerden wollen?

Die Einbindung in die Nachbarschaft. Als die WG gegründet wurde, gab es hier quasi eine kleine Bürgerinitiative der Nachbarn, die Angst hatten, dass ihr Viertel in Verruf gerät. Das Stigma lässt grüßen. Aber der Bezirk hat sich zum Glück nicht beirren lassen. Und mit der Zeit hat sich eine außerordentlich gute Nachbarschaft entwickelt, mit allen. Die Nachbarn kommen zu unseren Festen und wir nehmen ihre Pakete an. Diese gute Nachbarschaft ist auch wichtig für die Jugendlichen, denn das Stigma Psychiatrie existiert in diesem Viertel nicht mehr. Sie erleben hier eine ganz normale Nachbarschaft. Ich wünsche mir sehr, dass dieses Kleinod für die Jugendlichen hier in Schwabing noch lange erhalten bleibt!

Lieber Herr Bodner, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihren neuen Lebensabschnitt!

Therapeutische Wohngruppe Tristanstraße

Hier finden Sie mehr Informationen zur Therapeutischen Wohngruppe des kbo-Heckscher-Klinikums.