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Ein Klient des kbo-SPZ baut im Rahmen des Zuverdienstprojektes ein Hochbeet

Wie der Zuverdienst beim kbo-SPZ Taufkirchen (Vils) Leben strukturiert, Chancen eröffnet und Vorurteile abbaut

Zusammenfassung: Das kbo-Sozialpsychiatrische Zentrum hält ein vielfältiges Spektrum an Betreuungsangeboten für Menschen mit psychischer Erkrankung bereit. Im Mittelpunkt steht das Ziel, gesellschaftliche Teilhabe zu fördern und die Betroffenen in einem möglichst eigenverantwortlichen Leben zu unterstützen. Eines dieser Angebote ist das sogenannte Zuverdienst-Projekt, das an drei Standorten – in Haar, Wasserburg am Inn und Taufkirchen (Vils) – umgesetzt wird.

Von Kathrin Bethke am

Themen:

Mehr als Beschäftigung – ein Ort für Teilhabe und Selbstwirksamkeit

Der Zuverdienst ist ein niederschwelliges Beschäftigungsangebot der Eingliederungshilfe für Menschen mit psychischer Erkrankung. Er ist weit mehr als eine einfache Beschäftigung, denn er bietet einen Ort der Begegnung, des Lernens und Raum für Selbstwirksamkeit und ist damit ein entscheidender Bestandteil sozialer Teilhabe.
Menschen mit einer psychischen Erkrankung wird hier eine individuell angepasste stundenweise Tätigkeit ermöglicht mit einer maximalen Beschäftigungszeit von 15 Stunden pro Woche. Die Teilnehmenden erhalten eine gestaffelte Motivationsprämie, die mit wachsender Stabilität und Leistung steigt.

Die Klientinnen und Klienten profitieren von einem Umfeld, das ihren persönlichen Neigungen entspricht und Aufgaben mit unterschiedlicher Komplexität und Verantwortung bereithält und werden dabei fachlich angeleitet und begleitet. Die Tätigkeitsfelder sind vielfältig und reichen von handwerklichen über hauswirtschaftliche bis hin zu serviceorientierten Aufgaben. Gefördert werden die Angebote aus Mitteln des Bezirks Oberbayern, getragen von Menschen, die dieses besondere Projekt mit Leben füllen.

Zu Besuch beim kbo-SPZ in Taufkirchen (Vils)

Das kbo-SPZ in Taufkirchen (Vils) bietet die Bereiche Wohnen und Zuverdienst. In den einladenden Räumlichkeiten gibt es einen Second-Hand-Laden, einen Näh- und Bügelservice, eine Holzwerkstatt und einen Showroom, in dem die von den Zuverdienst-Teilnehmenden angefertigten Produkte ausgestellt werden. Zudem finden regelmäßig Workshops statt, die sich auch in der Bevölkerung großer Beliebtheit erfreuen und immer gut besucht sind.

Verantwortung übernehmen im Second-Hand-Laden

Im Second-Hand-Laden tätig zu sein, bedeutet für die Klientinnen und Klienten, Verantwortung zu übernehmen. Sie kümmern sich um den Verkauf, beraten die Kundschaft und übernehmen alle damit verbundenen Aufgaben bis hin zum Kassieren. Falls nötig, stehen jederzeit Mitarbeitende des kbo-SPZ zur Unterstützung bereit.

Ein besonderer Begegnungsort für Menschen, die den Unterschied machen

Das Team des kbo-SPZ Taufkirchen (Vils) besteht derzeit aus vierzehn Mitarbeitenden, die sich auf die Bereiche Wohnen und Zuverdienst verteilen. Während im Bereich Wohnen Sozialpädagoginnen und -pädagogen sowie Fachpflegekräfte für Psychiatrie tätig sind, wird der Zuverdienst durch eine Arbeitserzieherin, eine Hauswirtschafterin und ebenfalls eine Fachpflegekraft für Psychiatrie begleitet. Insgesamt stehen 12,5 Zuverdienst-Plätze zur Verfügung, die aktuell von 26 Teilnehmenden genutzt werden.

Helga Bachmann ist Hauswirtschafterin mit einer Zusatzausbildung zur Haushaltsorganisationstrainerin und leitet die Teilnehmenden des Zuverdiensts etwa bei den Upcycling-Projekten in der Nähstube an. „Es macht einfach Spaß, mit den Klienten zu arbeiten. Wir kitzeln Fähigkeiten aus ihnen heraus, von denen viele vorher sagen: Das kann ich nicht. Und dann entwickeln sie sich so toll und blühen auf.“
So berichtet sie von einer Frau, die anfangs unsicher und ablehnend war und heute selbstbewusst den Second-Hand-Laden führt. Solche Entwicklungen sind hier keine Seltenheit.

An der Ladentheke legt eine junge Frau, Klientin im Zuverdienst, gerade die frisch eingetroffene Kleidung für den Second-Hand-Verkauf sorgfältig zusammen. „Wenn es mir nicht gut geht, ziehe ich mich lieber zurück“, erzählt sie offen. „Aber hier ist es anders – man ist einfach froh, da zu sein. Und wenn ich dann wieder nach Hause komme, denke ich mir: Ich hab’s geschafft, ich bin zur Arbeit gegangen. Das konnte ich auf dem ersten Arbeitsmarkt früher nie so durchsetzen. Jetzt passt es, und ich bin stolz darauf, dass ich es zweimal die Woche schaffe.“

Eine Möglichkeit, Fähigkeiten zu entdecken, Selbstvertrauen aufzubauen und Vorurteile zu überwinden

Ein Wendepunkt im Leben von Susanne Porcel eröffnete ihr die Chance, eine staatlich anerkannte Ausbildung zur Arbeitserzieherin zu absolvieren. Dieses Rüstzeug habe ihr ermöglicht, das, was sie zuvor „aus dem Bauch heraus“ gemacht habe – Menschen anzuleiten und ihnen sinnstiftende Aufgaben zu geben – beim kbo-SPZ auf eine fundierte Basis zu stellen. „Das war ein Riesenglück für mich“, sagt sie rückblickend.

Ihr liegt viel daran, Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischer Erkrankung abzubauen. Im Second-Hand-Laden lädt sie Menschen ein, Kleidung zu spenden oder vorbeizukommen. „Viele denken zuerst, das sei nur ein kleiner privater Second-Hand-Laden. Aber wenn man ins Gespräch kommt, merken sie, dass da viel mehr dahintersteckt.“ Genau diese Begegnungen tragen dazu bei, Berührungsängste abzubauen.

Für sie ist klar: Der Zuverdienst ist eine Möglichkeit, Fähigkeiten zu entdecken, Selbstvertrauen aufzubauen und Vorurteile zu überwinden – für die Teilnehmenden genauso wie für die Gesellschaft.

Fürsorge, Achtsamkeit und Menschlichkeit werden hier tagtäglich gelebt

Susanne Porcel gegenüber sitzt eine ältere Dame aus der Nachbarschaft, die das kbo-SPZ seit vielen Jahren unterstützt und die Arbeit dort sehr schätzt. „Gerade in der heutigen Zeit, wo Achtsamkeit zwar ein schönes Modewort geworden ist, aber kaum noch gelebt wird, sollte man wieder mehr auf den Nächsten zugehen, Hilfe zulassen und erkennen, wenn jemand Unterstützung braucht. Ich glaube, da hat die Gesellschaft ein Stück weit den Blick verloren“, sagt sie nachdenklich.

Ruhig spricht sie weiter: „Heute ist so vieles oberflächlich – schnell, schnell von einem Termin zum anderen, ohne in sich zu gehen oder sich wirklich Gedanken zu machen. Dabei ist die Zeit jetzt, und sie vergeht viel schneller, als man glaubt.“ Dankbar betont sie, wie wichtig es sei, dass es Orte wie den Zuverdienst gebe, an denen Werte wie Fürsorge, Achtsamkeit und Menschlichkeit nicht nur Worte bleiben, sondern tagtäglich gelebt werden.

Upcycling als nachhaltiger Ansatz

Ebenfalls im Kontrast zur heutigen Schnelllebigkeit steht ein weiterer zentraler Bestandteil der Beschäftigung im Zuverdienst: das Upcycling gebrauchter Gegenstände. Aus gespendeter Kleidung und Materialien entstehen neue Lieblingsstücke – eine wertvolle Möglichkeit, Vorhandenes zu bewahren und ihm neuen Sinn zu verleihen.

„Ich denke, wir können hier in Taufkirchen wirklich stolz auf unseren nachhaltigen Ansatz sein“, betont Sonja Dörrie, stellvertretende Bereichsleitung für den Landkreis Erding beim kbo-SPZ. „Wir nutzen die Dinge, die uns vor Ort zur Verfügung stehen, die wir gespendet bekommen und tragen damit nicht nur zu einer nachhaltigen Zukunft unserer Klientinnen und Klienten bei, sondern auch zum Schutz unserer Umwelt.“

Ein Auffangbecken in schwierigen Zeiten

Über Nachhaltigkeit anderer Art berichtet ein Klient, der gerade die Abklebung an der Küchentür entfernt, nachdem er hier Wände neu gestrichen hat. Der gelernte Lackierer- und Malermeister war vor zwei Jahren nach einem persönlichen „Totalabsturz“, wie er es nennt, zunächst in der Klinik und anschließend beim kbo-SPZ gelandet.

„Das war für mich ein richtiges Auffangbecken“, sagt er offen. „Durch die Aufgaben hier ist es besser geworden, weil es guttut und weil man Arbeiten bekommt, die wertgeschätzt werden. Und auch als Mensch wird man hier wirklich wertgeschätzt. Das hat mir sehr geholfen. Wenn ich das nicht gehabt hätte, erst die Klinik und dann gleich hier, hätte ich es nicht geschafft.“

Das ist nur eines von vielen Beispielen, wie Klientinnen und Klienten dank des Zuverdienst-Projekts Schritt für Schritt wieder Stabilität und mehr Eigenständigkeit gewinnen konnten.

Für Susanne Carl, Bereichsleitung für den Landkreis Erding beim kbo-SPZ, ist das die zentrale Stärke des Angebots: „Das Projekt hat einen enormen Stellenwert und großen Sinn. Deshalb ist es uns ein wichtiges Anliegen, darauf aufmerksam zu machen – auf das, was wir hier gemeinsam mit den Klienten schaffen und was sie selbst erreichen.“

Es bleibt zu hoffen, dass der Zuverdienst noch eine lange Zeit bestehen bleiben kann und noch viele weitere Erfolgsgeschichten schreibt.