Vom Patienten zum Begleiter – neue Perspektiven durch gelebte Erfahrung
Zusammenfassung:
Was bedeutet es eigentlich, als EX-IN-Mitarbeitender zu arbeiten? Und was kann jemand bewegen, der psychische Krisen aus eigener Erfahrung kennt?
Rudolf Starzengruber arbeitet als EX-IN-Genesungsbegleiter im kbo-Kommunalunternehmen und bringt dort eine Perspektive ein, die in Organisationen lange gefehlt hat: die Sicht eines ehemals Betroffenen, der seinen Weg durch die Psychiatrie gegangen ist und heute andere begleitet.
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Themen:
EX-IN: Erfahrung als Expertise
„Als Allererstes ist ein EX-IN-ler selbst betroffen als psychisch erkrankter Mensch auf dem Weg der Genesung“, erklärt Starzengruber. EX-IN steht für „Experienced Involvement“, also die Einbindung von Menschen mit eigener Krisen- und Genesungserfahrung. Es geht darum, Strukturen aus einer Perspektive zu betrachten, die sonst häufig fehlt, nämlich aus der Sicht von Betroffenen.
Nach einer strukturierten Ausbildung mit zwölf Modulen und Praktikum können EX-IN-Absolventinnen und -Absolventen in unterschiedlichen Bereichen wie Kliniken, Sozialpsychiatrischen Diensten oder Tagesstätten tätig werden.
Die Angst vor dem ersten Schritt in die psychiatrische Klinik
Ein Krankenhausaufenthalt macht vielen Menschen Angst – in der Psychiatrie gilt das umso mehr. Auch für Rudolf Starzengruber war der erste Aufenthalt mit großen Sorgen verbunden: „Was wird mit mir passieren? Verändere ich mich? Was machen Medikamente mit mir? Wie bin ich, wenn ich die Klinik wieder verlasse?“
Was ihm half, war ein Perspektivwechsel: Die Klinik nicht als Bedrohung, sondern als geschützten Raum zu begreifen – als „Käseglocke“, wie er es nennt. Ein Ort, an dem man zur Ruhe kommen darf. „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Zeit für mich und meine Gesundheit.“
Vorher war sein Terminkalender sieben Tage die Woche durchgetaktet. In der Klinik waren die Seiten plötzlich leer. Diese Leere wurde zur Chance, um endlich mal innezuhalten, anzunehmen und auszuprobieren.
Besonders prägend war für ihn das erste vertrauensvolle Gespräch mit seinem behandelnden Arzt, das er so beschreibt: „Wenn das Zittern vor dem Gespräch verschwindet, entsteht Vertrauen.“
Therapie auf Augenhöhe
Ein entscheidender Faktor für den Genesungsprozess sei die sogenannte Krankheitseinsicht. „Wenn ich nicht bereit bin, mir helfen zu lassen, kann der beste Arzt nichts ausrichten.“
Gleichzeitig betont er die Bedeutung von Mitbestimmung: Therapien gelingen besser, wenn Patientinnen und Patienten einbezogen werden. Wenn sie mitreden dürfen und ihre Perspektive zählt. „Nicht alles war gut für mich. Aber ich konnte sagen, was mir hilft und das wurde berücksichtigt“, so Starzengruber.
Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit habe ihm viel Angst genommen und auch die Sorge, mit dem Klinikaufenthalt Selbstbestimmung zu verlieren. Im Gegenteil: Sein Selbstwertgefühl sei relativ schnell zurückgekehrt: „Ich habe die Psychiatrie als Partner empfunden.“
Verantwortung abgeben dürfen
Ein Klinikaufenthalt bedeutet nicht nur Behandlung, er bedeutet auch Entlastung. „Wenn Vertrauen da ist, kann man auch ein Stück Verantwortung abgeben“, sagt Starzengruber. Vertrauen wächst in kleinen Schritten und lohnt sich. „Der Weg geht nach vorne – vielleicht langsam, aber er geht.“
Heute, fast 20 Jahre nach seinem ersten Aufenthalt, blickt er dankbar zurück. Rückschläge gebe es weiterhin, doch er habe gelernt, Warnzeichen wahrzunehmen, Pausen einzulegen, sich Unterstützung zu holen. „Es macht wieder riesig Spaß, am Leben teilzunehmen“, sagt er optimisch.
Erfahrung weitergeben
Als EX-IN-Mitarbeiter begleitet Rudolf Starzengruber heute Betroffene zu Terminen – manchmal buchstäblich bis über die Türschwelle einer Praxis oder Station: „Wichtig ist es, die Möglichkeiten wahrzunehmen und nicht kurz vorher wieder abzubiegen.“
Seine Erfahrung hilft, Ängste zu relativieren und Mut zu machen. Gleichzeitig bringt er seine Perspektive in strategische Prozesse ein. Für ihn gibt es zwei Beweggründe für seine Tätigkeit: Er möchte im System etwas bewegen und anderen Mut machen.
Einbezug von Angehörigen
Psychische Erkrankungen betreffen nie nur die Erkrankten selbst, auch Angehörige erleben mitunter Unsicherheit, Überforderung und Angst. Starzengruber erklärt das so: „Wenn man noch gar nicht weiß, dass es eine Erkrankung ist, verwechselt man Symptome schnell mit einem persönlichen Angriff.“
Deshalb sind Angehörigengruppen, Sozialpsychiatrische Dienste oder Hausärztinnen und Hausärzte wichtige Anlaufstellen. „Angehörige müssen auch auf sich selbst achten. Sie sollen Unterstützung nutzen, damit sie selbst gesund bleiben.“
Vorbereitung schafft Sicherheit
Eine weitere Sorge vieler Betroffener ist die Erledigung von Alltagsthemen: Wer kümmert sich um Wohnung, Kinder, Haustiere, wenn ich in der Klinik bin?
Auch dafür gibt es Lösungen. Hilfreich sind Vorsorgedokumente wie ein Krisenpass oder klare Absprachen mit Vertrauenspersonen: Wer hat einen Schlüssel? Wer leert den Briefkasten? Wer versorgt Haustiere?
Rudolf Starzengruber ist überzeugt: „Es ist gut, vorbereitet zu sein für den Fall der Fälle.“ Sein Beispiel zeigt, dass Genesung möglich ist und Erfahrung zu wertvoller Expertise werden kann.
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