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Bild einer visualisierten Safewards-Intervention: Gegenseitige Erwartungen klären

Safewards nachhaltig leben

Zusammenfassung: Safewards ist weit mehr als ein Maßnahmenkatalog zur Reduktion von Konflikten und Zwang. Es steht für einen echten Kulturwandel im Klinikalltag. Wie sich dieser Wandel konkret anfühlt und im täglichen Miteinander umsetzen lässt, zeigen drei Mitarbeitende des kbo-Inn-Salzach-Klinikums auf eindrückliche Weise.
Dabei wird deutlich: Entscheidend sind vor allem die multiprofessionelle Zusammenarbeit, eine konsequent gelebte Beziehungsarbeit und ein klarer Fokus auf Nachhaltigkeit. Oder anders gesagt: dranbleiben, damit Safewards nicht im Sande verläuft, sondern lebendig bleibt.

Von Kathrin Bethke am

Themen:

Für alle, die Safewards noch nicht kennen: Es handelt sich um ein evidenzbasiertes Konzept zur Reduktion von Konflikten und Zwangsmaßnahmen in psychiatrischen Einrichtungen. Im Mittelpunkt stehen zehn Interventionen, die das Miteinander auf Station stärken, Beziehungen fördern und Eskalationen frühzeitig vorbeugen.

Mehr Informationen gibt es unter: kbo.de/safewards

 

Multiprofessionalität als Fundament

„Ein zentraler Erfolgsfaktor von Safewards ist die Zusammenarbeit über alle Berufsgruppen hinweg“, betont Ergotherapeutin und Safewards-Trainerin Nicole Sickenberger.

Auch und gerade in komplexen Bereichen wie der Forensik, wo Nicole tätig ist, wird deutlich, dass nachhaltige Veränderung nur dann gelingt, wenn alle beteiligt sind. Pflege, Ärzteschaft, Therapie, Psychologie und Sozialdienst bringen unterschiedliche Perspektiven ein. Safewards schafft dabei einen gemeinsamen Rahmen, in dem diese Perspektiven zusammengeführt werden und ein gemeinsames Verständnis von Beziehungsgestaltung, Kommunikation und Deeskalation entsteht.

Am kbo-Inn-Salzach-Klinikum wird der Safewards-Ansatz aktiv gelebt: Rund 40 Safewards-Trainerinnen und -Trainer treiben die Umsetzung voran, schulen Teams, begleiten neue Mitarbeitende und sorgen dafür, dass sich das Konzept kontinuierlich weiterentwickelt.

 

Beziehung als wirksamstes Element

Ein zentrales Ergebnis aus mehreren Jahren Safewards-Praxis lässt sich klar zusammenfassen: Beziehung wirkt.

Jennifer Schwarzenböck, Fachpflegerin und Safewards-Trainerin, erläutert, wie sich der Alltag auf Station spürbar verändert hat. „Patientinnen und Patienten berichten, dass sie sich stärker wahrgenommen fühlen – nicht nur als Behandlungsfall, sondern als Mensch.“
Diese Veränderung zeigt sich nicht in großen Gesten, sondern in vielen kleinen Momenten: im bewussten Gespräch, im aktiven Zuhören und in echter Präsenz.

Besonders wichtig ist dabei ein veränderter Blickwinkel: Es wird nicht mehr nur über Patienten gesprochen, sondern mit ihnen. Gerade bei Übergaben und im Stationsalltag wird dieser Unterschied deutlich und auch spürbar.

Die Rückmeldungen sprechen für sich: Patientinnen und Patienten erleben mehr Zugehörigkeit, fühlen sich stärker gehört, die Atmosphäre wird ruhiger und Konflikte entstehen seltener. Oder, wie es ein Patient treffend formuliert hat: „Man fühlt sich als Mensch gesehen und nicht nur als Patient.“

Safewards im Alltag: Kleine Ideen, große Wirkung

Safewards zeigt sich im Alltag vor allem in konkreten, gut umsetzbaren Maßnahmen, die in den Interventionen verankert, jedoch individuell gestaltbar sind. Hier zählt auch die Kreativität des Teams.

  • Orientierung gibt Sicherheit und erleichtert den Zugang
    Teamübersichten in Form von Fotowänden oder beschrifteten Holzscheiben machen auf einen Blick sichtbar, wer auf Station arbeitet und wer ansprechbar ist. Gerade für neue Patienten ist das eine wichtige Hilfe: Sie sehen direkt, wer zuständig ist, ohne erst nachfragen zu müssen. Das senkt die Hemmschwelle und erleichtert den ersten Kontakt.

    Gleichzeitig geht es dabei um mehr als reine Orientierung: Sich kennenzulernen bedeutet, ein Stück Menschlichkeit sichtbar zu machen. Und genau diese Menschlichkeit ist die Grundlage für Vertrauen, für tragfähige Beziehungen und letztlich auch für ein Gefühl von Sicherheit.

    Wichtig dabei: Mitarbeitende entscheiden selbst, wie viel sie von sich preisgeben möchten – vom reinen Namen bis hin zu kleinen persönlichen Einblicken, etwa zu Hobbys, die zusätzlich Nähe und Vertrauen schaffen können.
     
  • Patienten stärken Patienten
    Formate wie ein „Baum der guten Wünsche“ geben Patientinnen und Patienten die Möglichkeit, ihre Erfahrungen an andere weiterzugeben. Entlassene Patienten hinterlassen Nachrichten für Neuankommende – freiwillig, authentisch und oft sehr berührend. Es sind Erfahrungen auf Augenhöhe, die Mut machen können.
    Das schafft oft eine andere Form von Unterstützung, die nicht vom Team kommt, sondern von Menschen, die Ähnliches erlebt haben.
     
  • Praktische Hilfen erleichtern schwierige Momente
    Ein weiterer wichtiger Bestandteil sind sogenannte Skills-Angebote. Gemeint sind konkrete Hilfsmittel – zum Beispiel bestimmte Gegenstände, Materialien oder auch Düfte –, die Patienten dabei unterstützen, sich zu beruhigen und besser mit Stress, Anspannung oder Suchtdruck umzugehen.

    Viele dieser Angebote sind frei zugänglich. Patienten können selbst entscheiden, was ihnen in einer Situation hilft und wann sie es einsetzen möchten.

    Darüber hinaus entstehen in einzelnen Bereichen eigene, kreative Ansätze: In der Forensik entwickeln Patienten beispielsweise Materialien für andere Stationen, etwa sensorische Kissen für die Gerontopsychiatrie.
     
  • Kommunikation im Team bewusst gestalten
    Weniger sichtbar, aber ebenso zentral, ist die Kommunikation im Team. Wie über Patienten gesprochen wird, hat einen direkten Einfluss auf Haltung und Umgang. Leitlinien, Visualisierungen und kleine Erinnerungen im Alltag helfen den Teams dabei, eine wertschätzende und ressourcenorientierte Sprache aufrechtzuerhalten – auch unter Zeitdruck.

Veränderung beginnt im Team

Safewards verändert nicht nur die Arbeit mit Patienten, sondern auch das Miteinander im Team. Viele berichten von mehr Austausch, mehr Reflexion und einem bewussteren Umgang miteinander.

Was anfangs aktiv eingeführt wurde, ist inzwischen oft selbstverständlich geworden. Beziehungsarbeit wird nicht mehr als zusätzliche Aufgabe verstanden, sondern als zentraler Bestandteil professionellen Handelns. Genau darin liegt eine der größten Veränderungen: in der gemeinsamen Haltung.

 

Nachhaltigkeit: Der entscheidende Erfolgsfaktor

Die größte Herausforderung ist nicht die Einführung, sondern das langfristige Dranbleiben. Samuel Windhör, Fachpfleger für Psychiatrie, Stellvertretender Stationsleiter und Safewards-Trainer, betont, dass nachhaltige Implementierung klare Strukturen braucht:

  • definierte Verantwortlichkeiten für einzelne Interventionen,
  • regelmäßige Evaluationen,
  • kontinuierliche Schulungen und Auffrischungen,
  • gezielte Einarbeitung neuer Mitarbeitender,
  • sichtbare Kommunikation von Erfolgen.

Gleichzeitig verlaufen Veränderungen selten geradlinig. Teams durchlaufen unterschiedliche Phasen – von anfänglicher Begeisterung über Zweifel bis hin zur Routine. Dieses Verständnis hilft dabei, Rückschläge besser einzuordnen und gezielt gegenzusteuern.

Ein Blick in die Praxis zeigt, wie entscheidend dieser Punkt ist. In Phasen, in denen Safewards aktiv gelebt wurde, verbesserten sich Stationsklima und Zufriedenheit deutlich. Als das Engagement nachließ, gingen diese Effekte spürbar zurück. Erst durch erneuten aktiven Einsatz konnte die positive Entwicklung wieder aufgenommen werden.

Das macht deutlich: Safewards ist kein Selbstläufer. Es braucht Menschen, die das Konzept tragen und immer wieder neu beleben.

 

Warum sich der Einsatz lohnt

Für Nicole, Jennifer und Samuel steht hinter Safewards vor allem eines: Sinn. Wenn Teams gemeinsam mit Patienten an einem Ziel arbeiten, entsteht nicht nur mehr Struktur, sondern auch mehr Motivation, mehr Sicherheit im Arbeitsalltag, mehr Zufriedenheit im Team und eine spürbar bessere Atmosphäre im Alltag.

Und genau diese Atmosphäre wirkt sich auf alle aus – auf Patienten ebenso wie auf die Mitarbeitenden.