Stigmatisierung verstehen
Zusammenfassung:
Als Verbund von Kliniken und ambulanten Einrichtungen für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik begegnen wir häufig dem Thema Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Ein wichtiges Ziel unserer Arbeit ist es daher, zu mehr Verständnis und Akzeptanz beizutragen und bestehende Vorurteile abzubauen.
Ein ambitioniertes Vorhaben, das voraussetzt, zunächst zu verstehen, warum Menschen andere Menschen überhaupt abwerten oder ausgrenzen. Erst wenn wir die Ursachen kennen, können wir dort ansetzen, wo solche Zuschreibungen entstehen.
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Themen:
Was bedeutet Stigma?
Der Soziologe Erving Goffman prägte maßgeblich den heutigen Begriff des Stigmas. Er beschrieb es als ein Merkmal, das dazu führt, dass eine Person von anderen als weniger wertvoll oder „anders“ wahrgenommen wird. Entscheidend ist dabei: Nicht das Merkmal selbst verursacht die Abwertung, sondern die gesellschaftliche Bewertung, die damit verbunden wird.

Warum unser Gehirn ständig bewertet
Wir Menschen bewerten unsere Umwelt ständig – meist automatisch und ohne es bewusst zu merken. Unser Geist funktioniert dabei gewissermaßen wie eine schnelle „Etikettiermaschine“: Er ordnet Menschen, Situationen oder Erfahrungen in Kategorien wie gut oder schlecht, angenehm oder unangenehm ein. Daneben gibt es auch eine neutrale Kategorie für Dinge, denen wir keine besondere Bedeutung beimessen.
Dieser automatische Prozess ist völlig normal und sogar wichtig. Die Fähigkeit, Situationen schnell einzuschätzen, war für unsere Vorfahren überlebenswichtig. Wer rasch erkennen konnte, ob eine Situation gefährlich oder sicher war, hatte bessere Chancen zu überleben. Unser Gehirn greift dafür auf einen großen Erfahrungsschatz zurück: Im Laufe des Lebens speichert unser Unterbewusstsein unzählige Eindrücke und Informationen, die bei neuen Situationen sofort miteinander verknüpft werden.
Problematisch wird dieser Mechanismus jedoch dann, wenn auf die schnelle Einordnung eine unbewusste, reflexartige Reaktion folgt. Denn solche spontanen Bewertungen basieren selten auf objektiven Fakten, sondern auf Erfahrungen, Annahmen und gesellschaftlichen Bildern – und genau hier können Vorurteile und Stigmatisierung entstehen.
Wenn der erste Eindruck zur Schublade wird
Wer kennt das nicht: Man sieht eine Person zum ersten Mal – vielleicht im Wartezimmer, im Bus oder bei einer Veranstaltung – und hat sofort einen Eindruck. Die wirkt sympathisch, der scheint unfreundlich, mit dieser Person möchte ich lieber nichts zu tun haben. All das passiert oft innerhalb weniger Sekunden, noch bevor überhaupt ein Gespräch stattgefunden hat.
Solche schnellen Eindrücke beeinflussen häufig, wie wir weitere Begegnungen wahrnehmen. Haben wir jemanden einmal innerlich „einsortiert“, fällt es nicht immer leicht, dieses Bild später wieder zu hinterfragen. Unsere spontanen Urteile können unser Denken und Verhalten so stark prägen, dass wir gar nicht mehr klar erkennen, was tatsächlich passiert, sondern vor allem das sehen, was zu unserer ersten Einschätzung passt.
Stigmatisierung von Menschen mit psychischer Erkrankung und ihre Folgen für Betroffene
Menschen mit psychischen Erkrankungen erleben häufig, dass sie auf ihre Diagnose reduziert werden. Begriffe wie „unberechenbar“, „schwach“ oder „nicht belastbar“ prägen noch immer viele gesellschaftliche Vorstellungen. Solche Zuschreibungen entstehen oft aus Unsicherheit, mangelndem Wissen oder vereinfachten Bildern aus Medien und Alltag. Dadurch werden Betroffene nicht mehr als individuelle Personen wahrgenommen, sondern vor allem über ihre Erkrankung beurteilt.
Dabei zeigt ein Blick auf die Zahlen, wie verbreitet psychische Erkrankungen tatsächlich sind: In Deutschland erfüllt laut DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) rund jeder vierte Erwachsene innerhalb eines Jahres die Kriterien für eine psychische Erkrankung – das entspricht etwa 18 Millionen Menschen.
Diese Zahl macht deutlich: Psychische Erkrankungen betreffen nicht nur „andere“. Sie können jederzeit auch uns selbst, unsere Familie, Freunde oder Kollegen betreffen. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen, wie wir über psychische Erkrankungen denken und sprechen. Denn wenn wir selbst oder ein nahestehender Mensch betroffen wären, würden wir uns vermutlich ebenfalls wünschen, mit Verständnis, Respekt und Offenheit behandelt und nicht auf eine Diagnose reduziert zu werden.
Bewusster mit unseren Bewertungen umgehen
Wie wir bereits gesehen haben, ordnet unser Kopf Menschen und Situationen automatisch ein, ohne dass wir es in diesem Moment bewusst wahrnehmen. Dieser Mechanismus ist ein ganz natürlicher Teil unseres Denkens.
Um zu vermeiden, dass aus solchen automatischen Einordnungen eine Stigmatisierung anderer Menschen entsteht, ist es hilfreich, sich diese schnellen Bewertungen bewusst zu machen. Wer versucht, immer wieder eine neutrale Beobachterrolle einzunehmen, kann mit der Zeit besser erkennen, wann aus einer Beobachtung bereits eine Bewertung wird.
Entscheidend ist, diesen Moment überhaupt wahrzunehmen. Schon ein kurzer Augenblick der Aufmerksamkeit kann helfen, zwischen Wahrnehmung und Bewertung einen kleinen Abstand zu schaffen. In diesem Moment entsteht die Möglichkeit, bewusster zu reagieren – offener, respektvoller und mit mehr Verständnis für andere Menschen.
Eine kleine Übung für den Alltag
Beobachten Sie sich doch einmal für ein paar Tage selbst und achten Sie bewusst darauf, wie oft Ihr Geist Menschen, Situationen oder Dinge spontan bewertet – positiv, negativ oder auch nur als kurzen inneren Kommentar. Viele Menschen sind überrascht, wie häufig solche automatischen Bewertungen auftreten.
Wichtig ist dabei ein wohlwollender Umgang mit sich selbst: Es geht nicht darum, Ihren Geist daran zu hindern, Urteile zu fällen – das tut er sowieso. Entscheidend ist nur, diese Momente wahrzunehmen.
Ebenso wenig geht es darum, sich über solche Gedanken zu ärgern oder sich selbst dafür zu verurteilen, wenn der Geist wieder einmal „etikettiert“. Ziel der Übung ist es lediglich, die eigenen Denkmuster bewusster zu erkennen.