Moderne Psychiatrie neu denken
Zusammenfassung: Psychiatrie ist für viele Menschen noch immer mit Unsicherheit und Vorurteilen verbunden. Bilder aus vergangenen Jahrzehnten prägen häufig die Vorstellung – verschlossene Türen, lange Aufenthalte, Stigmatisierung. Doch die moderne Psychiatrie hat sich grundlegend verändert. Wie zeitgemäße psychiatrische Versorgung heute aussieht, erklärt Prof. Dr. Florian Seemüller, Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Kliniken Garmisch-Partenkirchen, Peißenberg und Murnau.
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Wissenschaft, Klinik und Lehre: Ein breites Aufgabenfeld
Prof. Dr. Florian Seemüller ist neben seiner Tätigkeit als Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Klinik Garmisch-Partenkirchen wissenschaftlich und als Dozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) affiliiert und engagiert sich in der Lehre an der Technischen Universität München (TUM). Sein fachlicher Schwerpunkt liegt auf affektiven Erkrankungen, insbesondere Depressionen und bipolaren Störungen. Neben der klinischen Arbeit engagiert er sich intensiv in der Lehre und Ausbildung von Medizinstudierenden.
Die Verbindung von universitärer Forschung, Lehre und klinischer Praxis ist für ihn ein zentraler Baustein moderner Psychiatrie.
„Mir macht die Ausbildung von Studierenden große Freude“, sagt er. Ein Teil der Lehre findet an der LMU und der TUM statt, ein anderer bewusst in Garmisch-Partenkirchen: „Hier können wir die praktischen Fähigkeiten in der Psychiatrie sehr gut vermitteln.“
Wann kommt es zu einem Klinikaufenthalt?
Ein psychiatrischer Klinikaufenthalt erfolgt meist nicht ohne vorherige Schritte. Idealerweise besteht bereits eine ambulante Anbindung – etwa über Hausärztinnen, Hausärzte oder niedergelassene Psychiaterinnen und Psychiater. Doch Seemüller beschreibt auch eine andere Realität:
„Der kleinere Teil kommt geplant zu uns nach Garmisch-Partenkirchn. Der größere Teil der Aufnahmen erfolgt notfallmäßig“, häufig in akuten Krisensituationen, etwa bei Suizidalität. In diesen Momenten sei es entscheidend, rasch Sicherheit und Vertrauen herzustellen.
Der erste Kontakt: Vertrauensaufbau als Schlüssel
Der erste Kontakt mit der Psychiatrie ist prägend. Studien zeigen, dass ein gelungener Einstieg entscheidend dafür ist, ob Betroffene langfristig Hilfe annehmen.
„Wenn es gelingt, früh Vertrauen aufzubauen, erleichtert das die gesamte Behandlung enorm.“
Empathie, Zeit und ernsthaftes Zuhören stehen dabei im Mittelpunkt – Faktoren, die den psychiatrischen Alltag wesentlich von anderen medizinischen Fachrichtungen unterscheiden.
Zeit für Menschen: Ein zentraler Vorteil der Psychiatrie
Psychiatrie ist Beziehungsarbeit. Für Prof. Dr. Florian Seemüller gehört genau das zu den größten Stärken seines Fachs: „Wir haben etwas mehr Zeit für die Menschen, die wir behandeln, und können sie ein Stück auf ihrem Genesungsweg begleiten.“ Diese Nähe ermöglicht es, Patientinnen und Patienten kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen und individuelle Entwicklungen wahrzunehmen.
Gleichzeitig räumt Seemüller mit einem weit verbreiteten Mythos auf: „Viele denken, wenn ich einmal in der Klinik bin, komme ich da nie wieder raus – und so ist es natürlich nicht.“ Tatsächlich liegt die durchschnittliche stationäre Verweildauer bundesweit bei rund 21 Tagen. Danach wird die Behandlung in anderen Versorgungsformen fortgeführt.
„Oft haben wir die Diagnose gestellt und die schlimmste Symptomlast gesenkt – aber so richtig geht es danach erst los“, erklärt Seemüller. Deshalb spielt die Planung der Zeit nach dem Klinikaufenthalt eine zentrale Rolle. Ein stationärer Aufenthalt dient vor allem der Stabilisierung, Diagnostik und Akutbehandlung. Die langfristige Genesung erfordert jedoch eine verlässliche Weiterbetreuung.
Aus diesem Grund wird bereits während des Aufenthalts intensiv an der Anschlussversorgung gearbeitet – etwa durch ambulante Anbindung, tagesklinische Angebote oder weitere komplementäre Unterstützungsformen. Ziel ist es, Patientinnen und Patienten gut vorbereitet und mit tragfähigen Perspektiven in den Alltag zurückkehren zu lassen.
Stigma abbauen: Offenheit und Regionalisierung
Psychische Erkrankungen sind nach wie vor mit Scham und Vorurteilen behaftet. Seemüller sieht Offenheit als wichtigen Schlüssel: „Wir müssten viel selbstverständlicher darüber sprechen, wenn es uns seelisch nicht gut geht.“ Oft entstehe dann etwas Entlastendes: „Plötzlich merkt man: Ich bin nicht allein.“
Die kbo-Lech-Mangfall-Klinik ist bewusst in das Klinikum Garmisch-Partenkirchen integriert.
„Bei uns nehmen alle dieselbe Eingangstür – der Patient mit dem gebrochenen Bein genauso wie der mit der Depression.“ Das senke Hemmschwellen und trage langfristig zum Abbau von Vorurteilen bei.
Moderne Psychiatrie ist multimodal
Viele Menschen wissen laut Seemüller nicht, wie vielfältig moderne Psychiatrie arbeitet. Neben Psychotherapie und medikamentöser Behandlung gehören Kunst-, Musik-, Ergo-, Sport- und Physiotherapie fest zum Konzept.
„Diese Therapien schaffen nonverbale Zugänge zur Seele“, erklärt er. Kultur und Kreativität könnten verbinden, Gemeinschaft schaffen und neue Ausdrucksformen ermöglichen – gerade dort, wo Worte fehlen.
Öffentliche Ausstellungen aus der Kunsttherapie oder Tage der offenen Tür ermöglichen zusätzlich Einblicke und fördern den Dialog mit der Gesellschaft.
Multiprofessionelle Teams als Herzstück der Behandlung
Psychiatrische Behandlung ist Teamarbeit. Ärztinnen und Ärzte, Pflege- und Erziehungsdienst sowie Therapeutinnen und Therapeuten bringen unterschiedliche Perspektiven ein.
„Wir legen diese Perspektiven übereinander und entwickeln gemeinsam die wesentlichen Therapieziele“, beschreibt Seemüller. Genau dieses Zusammenwirken mache den Kern psychiatrischer Arbeit aus.
Hilfe vor der Klinik: Ambulante und niederschwellige Angebote
Nicht jede Krise muss zwangsläufig zu einem stationären Aufenthalt führen. Seemüller verweist auf verschiedene Angebote in Oberbayern. Dazu zählen:
- Hausärztliche Versorgung
- Sozialpsychiatrische Dienste (niederschwellig, anonym)
- Krisendienste (24/7 erreichbar)
Ein besonderes Angebot ist die stationsäquivalente Behandlung: eine intensive psychiatrische Behandlung im häuslichen Umfeld.
„Gerade bei jungen Müttern oder stabilen familiären Strukturen ist diese Form oft sehr hilfreich.“
Die Einbindung Angehöriger
Angehörige übernehmen in der psychiatrischen Behandlung oft eine sehr wichtige unterstützende Rolle. Sie bringen oft eine zusätzliche Perspektive auf das seelische Erleben der Betroffenen ein – insbesondere auf Veränderungen, die diese selbst nicht oder nur eingeschränkt wahrnehmen. „Angehörige beobachten häufig Dinge schon lange, die wir als Ärztinnen und Ärzte für Diagnose und Behandlung unbedingt wissen müssen“, erklärt Prof. Dr. Florian Seemüller. Genau diese unterschiedlichen Sichtweisen können helfen, ein vollständigeres Bild der Situation zu gewinnen.
Gerade weil Patientinnen und Patienten nach dem Klinikaufenthalt normalerweise in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren, ist es hilfreich, wenn Angehörige die Erkrankung verstehen und im Umgang damit Sicherheit gewinnen. Gleichzeitig erfordert die Einbindung von Familie und Freunden Sensibilität: Familiäre Konflikte können Teil der Erkrankungsdynamik sein, und nicht jede betroffene Person wünscht Kontakt. In diesen Fällen gilt die Schweigepflicht uneingeschränkt. „Der beste Weg ist ein gemeinsames Angehörigengespräch, bei dem Patientin oder Patient, Ärztin oder Arzt und Angehörige offen miteinander sprechen“, so Seemüller. Transparenz und gegenseitiges Verständnis schaffen hier Vertrauen.
Schrittweise zurück in den Alltag
Die Rückkehr ins Alltagsleben erfolgt bewusst in kleinen Schritten: zunächst stundenweise, dann tageweise, später mit Übernachtungen. Ergänzend stehen tagesklinische Angebote zur Verfügung.
Moderne Psychiatrie bedeutet heute vor allem eines: Menschen in schwierigen Lebensphasen mit Zeit, Respekt und professioneller Nähe zu begleiten und ihnen Perspektiven für den Weg zurück in den Alltag zu eröffnen.