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Anna Kaiser, Leitung der Stabsstelle Zentrale Praxisanleitung, zeigt praxisnahe Wege auf, wie Ausbildung in der Pflege gelingt.

Gute Praxisanleitung in der Pflege

Zusammenfassung: Die Pflegeausbildung hat sich in den letzten Jahren stark verändert und mit ihr die Rolle der Praxisanleitung. Seit Inkrafttreten des Pflegeberufegesetzes von 2020 ist Praxisanleitung nicht mehr nur ein „Nice-to-have“, sondern ein fester, verpflichtender Bestandteil der Ausbildung. Doch wie gelingt gute Praxisanleitung in der täglichen Arbeit? Anna Kaiser, Leitung der Stabsstelle Zentrale Praxisanleitung am kbo-Isar-Amper-Klinikum Region München, zeigt praxisnahe Wege auf, wie Ausbildung in der Pflege nicht nur gelingt, sondern auch Spaß macht.

Von Anna Kaiser am

Themen:

Haltung: Lernende sind Kolleginnen und Kollegen von morgen

Ein zentraler Leitsatz von Anna Kaiser und ihrem Team lautet: „Wir leiten unsere Lernenden so an, wie wir selbst angeleitet werden möchten.“
Wer Lernende als künftige Kolleginnen und Kollegen betrachtet, begegnet ihnen auf Augenhöhe und schafft eine wertschätzende Lernkultur. Das stärkt nicht nur die Motivation, sondern auch die Bindung an den Arbeitsplatz – ein entscheidender Faktor im Wettbewerb um Fachkräfte.

Struktur schafft Sicherheit

Eine gute Praxisanleitung beginnt mit einer klaren Struktur. Lernende sollen wissen, wer für sie zuständig ist und was sie erwartet.

Acht bewährte Tipps für mehr Struktur:

  1. Feste Mentorinnen und Mentoren einplanen und idealerweise im Dienstplan verankern – so weiß jeder und jede Lernende, an wen er oder sie sich wenden kann.
  2. Regelmäßige Praxisanleitungstermine festlegen und im Team kommunizieren – das schafft Verlässlichkeit und gibt Struktur.
  3. Ausbildungsfragen und Lernfortschritte in Teambesprechungen einbauen – kurze Updates genügen, aber sie zeigen: Ausbildung ist Teamaufgabe und gehört auf die Agenda.
  4. Gruppenanleitungen nutzen – z. B. mit Methoden wie dem Siebensprung oder der kollegialen Fallberatung.
  5. Experten-Wissen aktiv einbinden – Wissen teilen, Verantwortung im gesamten Team verteilen, auch das kann Anleitungszeit sein.
  6. Mit Fällen arbeiten – Fallarbeit ist eines der effektivsten und nachhaltigsten Lernformate in der Pflege.
  7. Transparenz schaffen – Ausbildung sichtbar machen, etwa über Infotafeln oder Aushänge zu Lernzielen, Ansprechpartnern und aktuellen Themen.
  8. Onboarding strukturieren – ein klarer Leitfaden für den ersten Tag ist Gold wert und zeigt den Lernenden vom ersten Tag an, was sie erwartet.

Kreative Methoden für den Ausbildungsalltag

Praxisanleitung kann und darf Spaß machen. Besonders wirkungsvoll sind kreative Lernmethoden, die Lernende aktiv einbeziehen und gleichzeitig das Team entlasten.

Einige Ideen, die sich in der Praxis bewährt haben:

Die Lernbox

Eine thematisch gefüllte Box (z. B. „IM-Injektionen“ oder Psychopharmaka) mit Materialien, Fotos, Fragen und kleinen Aufgaben. Sie ist wiederverwendbar, leicht zu aktualisieren und ideal für Stationen mit vielen Lernenden.

Der „Room of Horror“

Ein präparierter Raum mit eingebauten Fehlern – z. B. fehlende Beschriftungen, falsche Lagerungen oder Sicherheitsmängel. Lernende müssen alle Fehler finden. Eine spielerische, aber sehr effektive Methode zur Fehlerprävention.

Das „Anleitungswunder“

Eine Box voller kleiner Anleitungsideen auf Zetteln notiert, griffbereit für andere Kolleginnen und Kollegen.

Beispiel: „Zeige dem Lernenden, wie Du den Pflegebericht schreibst, und erkläre, warum Du bestimmte Formulierungen wählst.“

Fallarbeit mit Patientenzuordnung

Lernende begleiten einen Patienten über einen längeren Zeitraum und dokumentieren Pflegeprozesse, Maßnahmen und Beobachtungen. So lernen sie, ganzheitlich zu denken und Verantwortung zu übernehmen.

Lernen im psychiatrischen Setting: Beziehung statt Technik

In der Psychiatrie steht nicht das „Handling“ im Vordergrund, sondern die Beziehungsgestaltung. Lernende müssen lernen, wie therapeutische Gespräche, Beobachtungen und Beziehungsarbeit funktionieren.

Hier eignen sich besonders kognitive und affektive Anleitungsmethoden, die Reflexion und Selbstwahrnehmung fördern:

  • Beobachtungsaufträge mit gezielten Fragestellungen, z. B. zum Thema Nähe und Distanz oder Interaktion in multiprofessionellen Teams
  • Leittext-Methode für eigenständige Wissensaneignung
  • Problemorientiertes Lernen (z. B. Siebensprung), um Lernende aktiv ins Denken zu bringen
  • Kollegiale Fallberatung, z. B. um ethische Entscheidungen im Team zu diskutieren oder für den Perspektivwechsel

Das Ziel ist, Lernende zum Nachdenken und Mitgestalten anzuregen – nicht, ihnen fertige Lösungen zu präsentieren.

Digitalisierung als Chance

Digitale Tools können Praxisanleitung lebendig machen:

  • LearningApps oder Canva für kreative Lernmaterialien
  • Quiz-Apps wie Plickers für Wissenstests
  • YouTube-Kanäle oder Pflege-Apps (z. B. Super Nurse, Elsevier Pflege-App) für Selbstlernphasen

Auch das Smartphone kann zum Lernwerkzeug werden, etwa für Recherchen oder das Erstellen von Fotodokumentationen.

Vom Aufwand zum Nutzen: Ausbildung als Investition

Ja, gute Praxisanleitung kostet Zeit, aber sie zahlt sich aus. Lernende, die gut eingearbeitet und begleitet werden, sind bald eine echte Unterstützung im Team. Wer in die Ausbildung investiert, gewinnt motivierte Fachkräfte, die bleiben.