Diversitätssensibilität
Zusammenfassung:
Vielfalt ist für das kbo-Isar-Amper-Klinikum ein wichtiger Bestandteil einer respektvollen Zusammenarbeit und einer bedarfsgerechten Versorgung. Um dieses Thema strategisch voranzubringen, gibt es die Stabsstelle Vielfalt. Verantwortlich dafür ist Verena Bacher, die Diversität im Klinikum stärkt, unterschiedliche Perspektiven vernetzt und Vielfaltsthemen in Entwicklungsprozesse einbringt. Im Interview spricht sie über ihre Aufgaben, aktuelle Schwerpunkte und die Bedeutung von Vielfalt im Gesundheitswesen.
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Themen:
Mit welchen Themen beschäftigst Du Dich im Rahmen Deiner Tätigkeit?
Verena Bacher: Zunächst ist es wichtig, zu erklären, was wir unter „Vielfalt“ verstehen. Im Mittelpunkt stehen sieben Vielfaltsdimensionen:
- Alter,
- Migrationsgeschichte und Nationalität,
- Geschlecht und geschlechtliche Identität,
- körperliche und geistige Fähigkeiten,
- Religion und Weltanschauung,
- sexuelle Orientierung sowie
- soziale Herkunft.
Wir alle – Mitarbeitende, Führungskräfte, die Menschen, die wir versorgen, und deren Angehörige – vereinen diese Vielfaltsdimensionen in uns und bringen unterschiedliche Erfahrungen, Fähigkeiten und Perspektiven mit.
Meine Aufgabe besteht darin, Vielfalt als festen Bestandteil des Klinikums zu stärken. Dazu gehören Sensibilisierung und Wissensvermittlung, die Entwicklung von Informationsangeboten, die Mitwirkung in Projekten und Arbeitsgruppen sowie die Vernetzung innerhalb und außerhalb des Klinikums. Ziel ist es, eine diversitätssensible Haltung, Handlungssicherheit und Strukturen zu stärken, um Vielfalt nachhaltig im Klinikum zu verankern.
Was bedeutet eine diversitätssensible Haltung im Gesundheitswesen?
Für mich bedeutet das, Menschen in ihrer Individualität wahrzunehmen und ihnen mit Respekt, Offenheit und Wertschätzung zu begegnen. Unterschiedliche Lebensrealitäten können beeinflussen, welche Erfahrungen Menschen machen, welche Bedürfnisse sie haben und wie sie Versorgung oder Zusammenarbeit erleben.
Ich sehe Vielfalt als große Stärke. Unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen helfen uns, voneinander zu lernen, den eigenen Blick zu erweitern und eigene Annahmen zu hinterfragen. Dadurch entsteht oft ein besseres Verständnis füreinander.
Eine diversitätssensible Haltung bedeutet für mich dabei auch, Menschen nicht auf einzelne Merkmale zu reduzieren, sondern sie als Ganzes wahrzunehmen und offen für unterschiedliche Sichtweisen zu bleiben. Dabei stellen wir oft fest, dass uns als Menschen mehr verbindet als es auf den ersten Blick scheint.
Warum ist Vielfalt für die Versorgung wichtig?
Wenn wir unterschiedliche Hintergründe und Lebensrealitäten mitdenken, können wir Bedarfe besser verstehen, Missverständnisse vermeiden und gemeinsam passende Behandlungswege finden. Das stärkt Vertrauen und unterstützt eine bedarfsorientierte Versorgung.
Grundsätzlich betrachten wir alle sieben Vielfaltsdimensionen gleichwertig. In der Praxis begegnen mir jedoch besonders häufig Themen rund um Alter, Geschlecht und geschlechtliche Identität sowie Nationalität und Migrationsgeschichte.
Dabei ist wichtig, zu verstehen, dass diese Aspekte selten isoliert auftreten. Menschen bringen immer mehrere Erfahrungen und Merkmale gleichzeitig mit. Auch können die Dimensionen untereinander eine Wechselwirkung eingehen und so ihre Auswirkung auf Privilegierung oder Benachteiligung verstärken. So kann beispielsweise eine trans* Person mit Fluchtgeschichte andere Diskriminierungserfahrungen machen als eine trans* Person ohne Migrationsgeschichte.
Kannst Du näher auf den Umgang mit den genannten Themen eingehen, die Dir in der Praxis besonders häufig begegnen?
Gerne. Zum einen prägt das Alter Lebensrealitäten, Erfahrungen und Bedarfe. Je nach Lebensphase können unterschiedliche Themen im Vordergrund stehen, auch der Zugang zu Angeboten kann sich unterscheiden. Gleichzeitig sollten Menschen nicht auf ihr Alter reduziert werden. Eine altersbewusste Versorgung bedeutet deshalb, individuelle Lebensrealitäten zu berücksichtigen, ohne in stereotype Vorstellungen zu verfallen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Geschlechtsidentität. Eine gendersensible Ansprache bedeutet, Menschen so anzusprechen und wahrzunehmen, wie sie sich selbst identifizieren. Das ist vor allem eine Frage von Respekt und Wertschätzung.
Auch in Bezug auf die Dimension der sexuellen Orientierung ist ein offener und diskriminierungsfreier Umgang wichtig, damit Menschen die Sicherheit haben, offen sie selbst sein zu können.
Auch kulturelle Prägungen, Sprachen, Lebensgeschichten sowie religiöse oder weltanschauliche Überzeugungen spielen eine Rolle. Diese Vielfalt bereichert den Klinikalltag und erweitert unseren Blick auf unterschiedliche Lebensrealitäten, kann aber auch Herausforderungen mit sich bringen. Missverständnisse entstehen nicht nur durch Sprachbarrieren, sondern auch durch unterschiedliche Erfahrungen, Werte oder Kommunikationsstile. Auch eigene Erwartungen und Vorannahmen können dabei eine Rolle spielen. Eine sensible und diskriminierungsfreie Haltung bedeutet deshalb, aufmerksam zuzuhören, offen nachzufragen und die eigene Perspektive zu reflektieren.
So lassen sich vorschnelle Schlussfolgerungen vermeiden und individuelle Bedürfnisse besser berücksichtigen.
Eine diversitätssensible Haltung gegenüber Patientinnen und Patienten ist das eine.
Wie zeigt sie sich im Miteinander vom Team?
Auch im Team bedeutet eine diversitätssensible Haltung, unterschiedliche Perspektiven als Bereicherung wahrzunehmen und respektvoll miteinander umzugehen. Sie zeigt sich in Offenheit, gegenseitiger Wertschätzung und der Bereitschaft, voneinander zu lernen.
Respekt zeigt sich oft im Alltag – durch wertschätzende Kommunikation, Interesse an anderen Perspektiven und die Bereitschaft, eigene Annahmen zu hinterfragen.
Die Kunst besteht darin, Unterschiede zu respektieren und zugleich den Blick auf das zu richten, was uns verbindet. Oft erkennen wir in den vielfältigen Lebensgeschichten anderer auch eigene Bedürfnisse, Erfahrungen oder Wünsche wieder. Genau das kann Verständnis fördern, Vorurteile abbauen und ein Gefühl von Zugehörigkeit schaffen.

Welche Rolle spielen Führungskräfte dabei?
Führungskräfte spielen eine entscheidende Rolle und tragen eine wichtige Verantwortung. Der Rückhalt zu Vielfalt und die Vorbildfunktion muss von der Führungsebene gegeben sein. Führungskräfte prägen den Umgangston, treffen Entscheidungen und schaffen Rahmenbedingungen für Zusammenarbeit.
Eine diversitätssensible Führung fördert Teilhabe, respektvollen Austausch und Chancengleichheit. Sie sorgt dafür, dass Vielfalt als gemeinsames Thema verstanden und in der Praxis berücksichtigt wird.
Was ist ein guter Weg, um mit Unsicherheiten oder unterschiedlichen Haltungen im Team umzugehen?
Unsicherheiten sind ganz normal – besonders bei Themen, die Menschen persönlich betreffen oder intensiv diskutiert werden. Viele Menschen möchten respektvoll handeln und haben gleichzeitig Sorge, etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Deshalb ist es wichtig, dass Fragen gestellt werden dürfen und man miteinander im Gespräch bleibt.
Nicht jede Unsicherheit ist Ausdruck von Ablehnung. Oft steckt dahinter der Wunsch, andere Perspektiven besser zu verstehen oder mehr Handlungssicherheit zu gewinnen. Ein respektvoller Austausch, fachliche Informationen und die Bereitschaft, zuzuhören, können dabei helfen.
Gleichzeitig braucht es eine gemeinsame Grundlage: Respekt, Wertschätzung und die Anerkennung der Würde jedes Menschen sind nicht verhandelbar. Unterschiedliche Sichtweisen können diskutiert werden, Abwertung, Ausgrenzung oder Diskriminierung jedoch nicht.
Niemand muss alles sofort wissen oder perfekt machen. Entscheidend sind Offenheit, Lernbereitschaft und die Bereitschaft, das eigene Handeln immer wieder zu reflektieren. So können wir Vielfalt als gemeinsame Verantwortung gestalten.
Was ist ein guter erster Schritt für Teams, die sich mit dem Thema beschäftigen möchten?
Ein guter erster Schritt ist, sich Zeit für Reflexion und Austausch zu nehmen. Dabei geht es nicht nur darum, mehr über Vielfalt zu erfahren, sondern auch, die eigene Sichtweise zu hinterfragen. Welche Annahmen treffe ich vielleicht über andere Menschen? Wo ziehe ich vorschnelle Schlüsse? Und welche Erfahrungen prägen meinen Blick auf die Welt?
Hilfreich ist außerdem, gemeinsam darüber nachzudenken, welchen Menschen wir in unserem Arbeitsalltag begegnen, welche Bedarfe sie mitbringen und wo möglicherweise Barrieren bestehen.
Welche Maßnahmen gibt es am kbo-Isar-Amper-Klinikum?
Mit der Stabsstelle Vielfalt hat das kbo-Isar-Amper-Klinikum eine zentrale Anlaufstelle für Diversitätsthemen geschaffen, die das Thema Diversität als Querschnittsaufgabe begleitet und weiterentwickelt.
Grundlage ist die Leitlinie Vielfalt des Klinikums. Ergänzend entstehen fortlaufend Informations- und Unterstützungsangebote für Mitarbeitende. Darüber hinaus stehe ich als Ansprechpartnerin für Mitarbeitende, Führungskräfte und Fachbereiche zur Verfügung.
Aber auch vor der Einführung der Stabsstelle wurden viele Angebote geschaffen, die Vielfalt fördern. Dazu zählen unter anderem kbo-weite interkulturelle Kompetenztrainings, unser Integrationsmanagement sowie verschiedene Angebote des Gesundheitsmanagements, beispielsweise eine regelmäßige Renteneintrittsberatung.
Aktuell wurden zudem im Rahmen einer kbo-weiten Arbeitsgruppe zur gendersensiblen Haltung Maßnahmen entwickelt, die Mitarbeitende für geschlechtliche Vielfalt sensibilisieren und Handlungssicherheit im Berufsalltag stärken sollen.
Und auch nach außen setzt das Klinikum Zeichen für Vielfalt, beispielsweise durch die Beteiligung am Deutschen Diversity Tag oder an der CSD-Politparade.
Wo siehst Du aktuell noch Herausforderungen im Umgang mit Vielfalt im Gesundheitswesen?
Eine zentrale Herausforderung sehe ich darin, Gesundheitsversorgung so zu gestalten, dass sie für alle Menschen möglichst zugänglich ist. Menschen bringen unterschiedliche Voraussetzungen, Erfahrungen und Bedarfe mit. Diese Vielfalt mitzudenken und Angebote entsprechend zugänglich und diversitätssensibel zu gestalten, ist eine wichtige Aufgabe im Gesundheitswesen.
Aus meiner früheren Tätigkeit in der Sozialberatung weiß ich, dass Hürden oft schon beim Zugang zu Informationen, bei der Orientierung im Gesundheitssystem oder bei der Angst vor Stigmatisierung entstehen. Was für die eine Person selbstverständlich ist, kann für eine andere eine große Herausforderung darstellen.
Welche positiven Effekte hat eine diversitätssensible Haltung auf alle Beteiligten?
Für Patientinnen und Patienten bedeutet sie, sich respektiert, ernstgenommen und sicher zu fühlen. Das stärkt Vertrauen und unterstützt eine bedarfsorientierte Versorgung.
Auch Teams profitieren davon. Vielfalt eröffnet neue Perspektiven, fördert Kreativität und gegenseitiges Lernen. Gleichzeitig stärkt ein respektvolles Arbeitsumfeld Zugehörigkeit, Zusammenarbeit und Zufriedenheit.
Mitarbeitende in der Versorgung profitieren außerdem davon, durch Sensibilisierung, Aufklärung und Kompetenzstärkung professionell und sicher im Umgang mit Vielfalt zu handeln.
Was wünschst Du Dir für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass Vielfalt immer stärker als selbstverständlicher Teil unseres Alltags wahrgenommen wird. Dass Menschen unabhängig von ihren Hintergründen Zugehörigkeit erfahren und ihre Perspektiven einbringen können.
Dabei sollten wir Unterschiede respektieren, ohne Menschen in Schubladen einzuordnen, und gleichzeitig Vielfalt als selbstverständlichen Teil unseres Miteinanders verstehen.