Was wir nach 13 Monaten wissen: die psychischen Folgen von Corona
Prof Dr. Peter Brieger ist Ärztlicher Direktor des kbo-Isar-Amper-Klinikums und berichtet über die Auswirkungen von 13 Monaten Corona-Pandemie.
13 Monate Corona-Maßnahmen machen mürbe. Die anfängliche Stimmung des Ärmelhochkrempelns weicht Desillusionierung und Frust. Wir gewöhnen uns – widerwillig – an Zahlen zur Intensivbelegung, zu Inzidenzen und zum R-Wert wie auch an Todeszahlen. Welche Folgen haben diese Dauerbelastungen für die psychische Gesundheit?
Da gibt es zunächst auf der Ebene der Gesellschaft ein Anwachsen von negativen Affekten wie Unmut, Ärger, Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit sowie Angst. All diese Affekte wirken auf die Stressachse unseres seelischen Systems ein. Sie führen in der Regel nicht kurzfristig zu psychischen Erkrankungen, die langfristigen Effekte solcher dauerhaften Belastungen sind aber unklar.
Erhöhtes Depressionsrisiko
Sicher ist es aber so, dass, je länger solche Belastungen in der Gesellschaft wirken, entsprechende Belastungseffekte auch relevant werden. Erfreulicherweise ist trotz solcher Belastungen im Jahr 2020 die Zahl der Suizide – als Anzeichen der schwerwiegendsten Folge psychischer Belastung – in Bayern und den USA (für diese beiden Bereiche liegen uns Daten vor) bisher nicht gestiegen. Dieses Phänomen ist aus anderen Krisen- (und auch Kriegs-) zeiten bekannt: In solchen Zeiten nehmen sich weniger Menschen das Leben als in Friedenszeiten oder in Zeiten der Normalität. Auch die Krisendienste sind nicht sehr viel mehr angefragt worden als in Nicht-Corona-Zeiten.
Dennoch haben Menschen mit Covid-Infektionen ein erhöhtes Risiko, an Depressionen und anderen psychischen Leiden zu erkranken. Aber auch Menschen ohne Covid-Infektion sind belastet: Gerade Menschen mit vorbestehenden Angststörungen und Depressionen machen sich große Sorgen. Da ist die Angst, sich mit Covid zu infizieren, die Sorge, dass die Gesellschaft insgesamt eine negative Entwicklung nimmt. Dies und die gesellschaftliche Isolation können zu entsprechenden Störungsbildern führen – oder sie verschlechtern, sodass dann eine umfassende psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung notwendig wird. Menschen mit vorbestehenden psychischen Erkrankungen sind durch Corona belastet: Die Schwelle, dass eine neue Krankheitsepisode ausbricht, kann erniedrigt sein, weil der oben genannte Stress dazukommt. Auch erhöht eine vorbekannte psychische Erkrankung das Risiko, sich mit Covid zu infizieren – wobei nicht geklärt ist, ob das Folge psychosozialer (zum Beispiel Lebensbedingungen) oder biologischer (zum Beispiel geschwächtes Immunsystem) Faktoren ist.
Schließlich ist es so, dass viele Versorgungsangebote coronabedingt umgebaut (in der Regel reduziert) werden mussten: Der Zugang wird schwieriger, die Freiheiten sind geringer (zum Beispiel reduzierte Ausgangs- und Besuchsmöglichkeiten im Krankenhaus), der persönliche Kontakt wird oft durch Telefon und digitale Medien ersetzt. Die beschleunigte Umsetzung der Digitalisierung ist hier zwar teilweise auch positiv zu werten, insgesamt ist aber eine Verschlechterung der Versorgung anzunehmen, wenn der menschliche Kontakt fehlt.
Durch die Maßnahmen der Hygiene und der Umwidmung von Ressourcen werden Versorgungsleistungen für Menschen mit einer psychischen Erkrankung in allen Versorgungsbereichen reduziert: Das führt zu einer Schlechterstellung von psychisch Kranken. In den psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken musste durch die Hygienemaßnahmen die Kapazität reduziert werden. Gerade auch in Tageskliniken, die wichtig für die gemeindenahe Versorgung sind, konnten die Behandlungsplätze nicht immer aufrechterhalten werden.
Unklar ist, was „nach Covid“ kommen wird. Dass Menschen, die selbst an Covid erkrankt sind, längerfristige Beeinträchtigungen davontragen können, ist als sogenanntes Post-Covid-Syndrom (auch „Long Covid“) bekannt. Welche gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen sich abzeichnen werden, ist momentan unklar. Dies wird klug zu beobachten sein, und entsprechend muss die Versorgung angepasst werden.
Erhebliche Defizite
Der wirtschaftliche Aspekt sei hier nur kurz gestreift: Durch die Minderbelegung in den Kliniken, durch die Hygienemaßnahmen und veränderte Patientenströme entstehen hier erhebliche Defizite sowohl bei psychiatrischen wie auch bei somatischen Krankenhäusern. Wie hier eine längerfristige Absicherung der Strukturen stattfinden kann, ist momentan offen.
Es ist wichtig, die Realitäten zu sehen. Dennoch ist es aus psychotherapeutischer Sicht wesentlich, nicht zu katastrophisieren. Wir haben bislang für nahezu alle Probleme Lösungen gefunden – und gerade im letzten Jahr oft erstaunlich schnell und kreativ. Und auch wenn die Situation natürlich anders ist, als wir uns das wünschen würden, bin ich zuversichtlich, dass es uns gelingen wird, die psychisch belasteten Mitglieder unserer Gesellschaft gut durch die Pandemie zu begleiten.