Dr. Aljoscha Spork, Chefarzt im Fachbereich Suchtmedizin am kbo-Inn-Salzach-Klinikum, warnt vor den Folgen der Volksdroge Alkohol.
Alkohol und Krebs: Warum es keine sichere Menge gibt
Alkohol gehört für viele Menschen zum Alltag – besonders in Bayern, wo Bier kulturell fest verankert ist. Doch medizinisch ist die Lage eindeutig: Alkohol ist krebserregend. Das bestätigt auch das aktuelle Handbuch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der International Agency for Research on Cancer (IARC).
Im Interview erklärt Dr. Aljoscha Spork, Chefarzt im Fachbereich Suchtmedizin am kbo-Inn-Salzach-Klinikum, warum selbst geringe Mengen Alkohol das Krebsrisiko erhöhen und weshalb ein gesellschaftliches Umdenken notwendig ist.
Ist Alkohol wirklich krebserregend?
Ja. Alkohol beziehungsweise Ethanol und sein Abbauprodukt Acetaldehyd schädigen direkt das Erbgut. Dadurch werden Zellreparaturmechanismen gestört und entzündliche sowie hormonelle Prozesse begünstigt, die Krebs entstehen lassen können. „Eine sichere oder gesundheitlich unbedenkliche Menge gibt es nicht“, betont Dr. Spork. Bereits ein alkoholisches Getränk täglich – etwa ein kleines Bier oder ein Glas Wein – erhöht nachweislich das Risiko für bestimmte Krebsarten.
Welche Krebsarten werden durch Alkohol begünstigt?
Alkoholkonsum steht insbesondere in Zusammenhang mit:
- Brustkrebs
- Darmkrebs
- Speiseröhrenkrebs
- Leberkrebs
- Krebs im Mund-, Rachen- und Kehlkopfbereich
Das Risiko steigt mit der konsumierten Menge – unabhängig davon, ob es sich um Bier, Wein oder Spirituosen handelt. Entscheidend ist allein der enthaltene Alkohol.
Weltweit sind laut WHO rund 4,1 Prozent aller Krebserkrankungen – etwa 740.000 Fälle pro Jahr – auf Alkoholkonsum zurückzuführen. Besonders alarmierend: Etwa die Hälfte dieser Erkrankungen betrifft Menschen, die keine Hochrisikotrinker sind, sondern regelmäßig moderate Mengen konsumieren.
Alkohol verstärkt weitere Gesundheitsrisiken
Neben Krebs begünstigt Alkohol zahlreiche weitere Erkrankungen, darunter:
- Leber- und Bauchspeicheldrüsenerkrankungen
- Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen
- Schlaganfall
- Depressionen und Angststörungen
- Suchterkrankungen
Die WHO zählt Alkohol zu den bedeutendsten vermeidbaren Risikofaktoren für Krankheit und vorzeitigen Tod weltweit.
„Bier ist flüssiges Brot“ – eine gefährliche Verharmlosung
Gerade in Bayern ist Alkohol tief in Kultur und Tradition verwurzelt. Diese gesellschaftliche Normalisierung führe jedoch dazu, dass Risiken unterschätzt werden, so Dr. Spork. „Aussagen wie ‚Bier ist flüssiges Brot‘ verharmlosen die gesundheitlichen Folgen und erschweren Prävention.“
Aus suchtmedizinischer Sicht sind daher strukturelle Maßnahmen wie höhere Alkoholsteuern, Werbebeschränkungen und klare Altersgrenzen sinnvoll. Sie gelten laut WHO als besonders wirksam, um alkoholbedingte Erkrankungen zu reduzieren.
Alkohol verursacht enorme gesellschaftliche Kosten
Die Folgen betreffen nicht nur die individuelle Gesundheit. In Deutschland entstehen jährlich über 57 Milliarden Euro an direkten und indirekten Kosten – etwa durch medizinische Behandlungen, Frühberentungen und Produktivitätsverluste. Hinzu kommen soziale Auswirkungen wie familiäre Konflikte, häusliche Gewalt und Verkehrsunfälle.
Alkoholsucht ist eine Krankheit
In Deutschland leben schätzungsweise 1,6 bis 1,8 Millionen Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit. Weitere 6 bis 7 Millionen konsumieren in einem gesundheitlich riskanten Ausmaß. Dennoch nimmt nur etwa jeder Zehnte professionelle Hilfe in Anspruch.
„Alkoholsucht ist keine Charakterschwäche, sondern eine behandelbare Erkrankung“, betont Dr. Spork. Je früher eine Therapie beginnt, desto besser sind die Chancen auf Stabilisierung. Am kbo-Inn-Salzach-Klinikum stehen niedrigschwellige, wohnortnahe Hilfsangebote zur Verfügung – vertraulich und individuell abgestimmt.