Berufliche Neuorientierung – wenn ein neuer Weg entsteht
Zusammenfassung:
Susanne Porcel leitete viele Jahre eine Hofkäserei auf einem Demeter-Hof und begleitete dort Menschen mit einer vorwiegend geistigen Behinderung. Eine gesundheitliche Zäsur zwang sie schließlich zum Umdenken und eröffnete ihr gleichzeitig eine neue Perspektive: die Ausbildung zur staatlich anerkannten Arbeitserzieherin.
Heute arbeitet sie im kbo-Sozialpsychiatrischen Zentrum (kbo-SPZ) in Taufkirchen (Vils) und begleitet Menschen mit psychischer Erkrankung im sogenannten Zuverdienst-Projekt. Das Angebot richtet sich an Menschen, die (noch) nicht oder nicht mehr vollständig in den Arbeitsmarkt einsteigen können. In einem geschützten Rahmen übernehmen sie stundenweise Aufgaben, sammeln neue Erfahrungen und stärken ihr Selbstvertrauen.
Im Gespräch erzählt Susanne Porcel von ihrem beruflichen Weg, von persönlichen Erfahrungen mit Stigmatisierung und davon, warum Arbeit für viele Menschen ein wichtiger Schritt zurück in den Alltag sein kann.
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Themen:
Susanne Porcels Weg zur Arbeitserzieherin im kbo-SPZ
Susanne, wie bist Du zu Deinem Beruf als Arbeitserzieherin gekommen?
Susanne Porcel: Ich habe viele Jahre als handwerkliche Milchverarbeiterin eine Demeter-Hofkäserei in einer anthroposophisch ausgerichteten Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) geleitet. Einer der Schwerpunkte meiner Tätigkeit war es, die Werkstattbeschäftigten in alle Arbeitsabläufe zu integrieren und zu fördern.
Das Arbeiten in der Käserei wurde um das Jahr 2013 gesundheitlich leider unmöglich für mich. Ein allergisches Asthma, verursacht durch die ständige Exposition mit Milchsäurebakterien und Edelschimmelkulturen, bedingte das Ende meiner Tätigkeit in diesem Arbeitsbereich.
Wie bist Du mit dieser Situation umgegangen?
Aus dieser Situation heraus ergab sich für mich eine neue Chance: Die staatlich anerkannte Ausbildung zur Arbeitserzieherin. Diese Ausbildung wird nur in Baden-Württemberg angeboten. Ich besuchte drei Jahre lang regelmäßig eine Berufsfachschule in der Nähe von Stuttgart parallel zur praktischen Ausbildung in einem anderen Werkstattbereich der WfbM.
Diese Zeit war für mich ein großer Gewinn, denn ich konnte das, was ich vorher oft aus dem Bauch heraus gemacht habe – Menschen anzuleiten und ihnen sinnstiftende Aufgaben zu geben – mit einer fachlich fundierten Ausbildung unterlegen.
Und wie bist Du schließlich zum kbo-SPZ in Taufkirchen gekommen?
Nach der Ausbildung blieb ich zunächst in meiner bisherigen Einrichtung, wechselte aber in einen anderen Arbeitsbereich.
Zum Ende der Corona-Zeit stellte sich für mich die Frage der persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung. Ich entschied mich schließlich für einen Neuanfang und kam im Mai 2022 zum kbo-SPZ.
Ein Thema, das Dir besonders wichtig ist, ist die Entstigmatisierung von Menschen mit psychischer Erkrankung. Möchtest Du mehr über Deine Beweggründe erzählen?
Ich bin ganz in der Nähe einer großen diakonischen Einrichtung aufgewachsen, in der auch Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen lebten. Die Reaktionen meines Umfelds damals prägten mich. Mir wurde als Kind gesagt: „Komm rein, nicht dass Du Dir was holst.“
Ich konnte diese Haltung schon damals nicht nachvollziehen und habe mich gefragt, warum Menschen ausgegrenzt werden. Wer sind diese Menschen? Irgendwann war klar, dass ich mich ganz bewusst mit dem Thema auseinandersetzen möchte.
Was tust Du heute konkret, um Vorurteile abzubauen?
Der Second-Hand-Laden des Zuverdienst-Projekts ist dafür ein idealer Ort. Viele Menschen kommen erst einmal, weil sie Kleidung kaufen wollen. Sie denken, das ist ein kleiner privat geführter Laden. Bei Interesse erfahren sie, dass hier Menschen mit psychischer Erkrankung arbeiten. Dann fragen sie: „Was macht Ihr hier eigentlich?“ Und genau darüber kommt man ins Gespräch und sorgt nebenbei dafür, dass Vorurteile zu Gunsten von Verstehen und Wissen weichen.
Wie finden die Menschen den Weg zur Teilnahme am Zuverdienst?
Das kann über die Klinik sein, wir legen unsere Handzettel zum Beispiel im Café der Klinik aus. Und manchmal entstehen Kontakte auch ganz spontan. Darüber hinaus arbeitet das kbo-SPZ mit verschiedenen Einrichtungen zusammen, beispielsweise mit Wohngruppen oder Suchthilfeangeboten. Aber es kann auch jemand sein, der eine eigene Wohnung hat und sagt: Eigentlich geht es mir ganz gut, aber mir fehlt soziale Zuwendung und eine sinnvolle Tagesstruktur.
Was passiert mit den Einnahmen aus dem Second-Hand-Laden?
Ziel ist es, so viel Ertrag zu erwirtschaften, dass unsere Klienten sich einerseits ihre sogenannte Motivationsprämie selbst erarbeiten, einen kleinen, gestaffelten Stundenlohn. Andererseits soll ein Teil der laufenden Kosten für Gebäude und Infrastruktur gedeckt werden.
Was bedeutet Dir die Arbeit im Zuverdienst-Projekt persönlich?
Der Zuverdienst ist eine wichtige Möglichkeit für viele Menschen, wieder gesellschaftliche Teilhabe zurückzuerlangen. Das erlebe ich jeden Tag. Durch sinnvolle Arbeit, Begegnung und kleine Erfolgserlebnisse können Teilnehmende neues Selbstvertrauen gewinnen, Selbstwirksamkeit erleben und Schritt für Schritt ihren Platz in der Gesellschaft finden.
Es ist eine tolle Erfahrung, gerade mit diesen Menschen zu arbeiten. Gleichzeitig ist die Arbeit aber auch sehr anspruchsvoll, denn sie setzt voraus, dass man selbst stabil im Leben steht.
Es gibt noch weitere Aspekte, die meine Arbeit beim kbo-SPZ so wertvoll für mich machen. Das Erleben meiner eigenen Selbstwirksamkeit ist einer davon. Ich habe die Möglichkeit, aktiv Einfluss auf meinen Arbeitsalltag zu nehmen und Entscheidungen zu treffen, die meinen individuellen Bedürfnissen und Wünschen gerecht werden.
Die durchgängige wertschätzende Kommunikation innerhalb des Teams sowie der respektvolle Austausch mit der Führungsebene und meinen Kolleginnen und Kollegen schaffen ein positives Arbeitsklima, in dem Ideen und Feedback gefördert werden. Diese Kultur der Wertschätzung trägt entscheidend zu meiner Zufriedenheit und meinem Wohlbefinden am Arbeitsplatz bei.
Welchen Rat würdest Du Menschen geben, die nach einigen Berufsjahren aus persönlichen oder gesundheitlichen Gründen über einen beruflichen Neustart nachdenken?
Zunächst einmal sollte man die nötige Veränderung als Chance, nicht als Niederlage begreifen. Wichtig ist es dann, sich fundiert über die Möglichkeiten einer beruflichen Veränderung zu informieren. Wenn die Entscheidung gefallen ist, die Aspekte wie Finanzierung, Zeitmanagement und ggf. Kinderbetreuung klären.
Ich hatte das große Glück, dass meine Erkrankung als Berufskrankheit anerkannt wurde. Die Vollfinanzierung der Ausbildung durch die Rentenversicherung verhalf mir zu einer Freiheit in Bezug auf eine mögliche Arbeitgeberbindung danach.
Vielen Dank für das Gespräch, liebe Susanne.
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