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Christina Schachner ist mit 31 Jahren jüngste Pflegedienstleitung im kbo-Heckscher-Klinikum

Pflegedienstleitung mit 31

Zusammenfassung: Vor zehn Jahren kam Christina Schachner als Berufspraktikantin ans kbo-Heckscher-Klinikum. Heute verantwortet sie als jüngste Pflegedienstleitung des Hauses den Pflege- und Erziehungsdienst der Standorte Haar und Ingolstadt. Im Interview spricht sie über ihren ungewöhnlichen Karriereweg, Führung in jungen Jahren und darüber, warum Sicherheit für ihre Mitarbeitenden ihr wichtigster Führungsgrundsatz ist.

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Frau Schachner, Sie sind 31 Jahre alt und bereits Pflegedienstleitung. War das schon immer Ihr Berufsziel?

Nein, überhaupt nicht. Wenn mich vor drei oder vier Jahren jemand gefragt hätte, ob ich einmal Pflegedienstleitung werden möchte, hätte ich wahrscheinlich verneint. Ich habe mein Studium auch nicht mit diesem Ziel begonnen. Die Entwicklung hat sich vielmehr durch verschiedene Umstände ergeben. Heute merke ich aber, dass mir diese Aufgabe sehr am Herzen liegt und ich sie mit großer Überzeugung ausfülle. In der „Heckscher” habe ich vor zehn Jahren im Berufspraktikum während meiner Erzieherausbildung angefangen und bin anschließend im Pflege- und Erziehungsdienst geblieben. Dort konnte ich unter anderem den Aufbau der heutigen Krisenstation 5 begleiten. Parallel war ich vier Jahre lang freiberuflich als Umgangsbegleiterin tätig, habe Kinder und Eltern begleitet, wenn nach Trennungen gerichtlich angeordnete Umgangskontakte anstanden.

 

Und Sie haben sich berufsbegleitend weiterqualifiziert.

Genau. Neben der Arbeit habe ich Sozialpädagogik und Management studiert und den Bachelorabschluss gemacht. Rückblickend profitiere ich heute vor allem vom Managementanteil des Studiums. Als Pflegedienstleitung muss man wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen, Personal steuern und Entscheidungen treffen, die sowohl fachlich als auch organisatorisch tragfähig sind.

 

Wie kam es dann zum Wechsel in die Führungsebene?

Eigentlich eher zufällig. Ich hatte damals sogar bereits gekündigt, weil ich mich beruflich verändern wollte. Dann ergab sich die Möglichkeit, als Krankheitsvertretung die stellvertretende Pflegedienstleitung im Münchner Haupthaus zu übernehmen. Das habe ich rund eineinhalb Jahre gemacht und konnte schauen, ob Führungsverantwortung zu mir passt. Als später die Stelle der Pflegedienstleitung in Haar und Ingolstadt frei wurde, habe ich mich beworben. Ich denke, es war hier von Vorteil, die Arbeit im Pflege- und Erziehungsdienst aus eigener Erfahrung gut zu kennen. Ich weiß, wie die Abläufe auf den Stationen sind und welche Herausforderungen Mitarbeitende täglich bewältigen. Dadurch kann ich viele Situationen besser einordnen und Entscheidungen gegenüber der Klinikleitung gut begründen.

 

Sie sind die jüngste Pflegedienstleitung im kbo-Heckscher-Klinikum. Mussten Sie sich Ihre neue Rolle erarbeiten?

In den vergangenen anderthalb Jahren wurde ich wahrscheinlich öfter als jemals zuvor gefragt, wie alt ich bin. Wirkliche Vorbehalte habe ich aber nie erlebt. Ich glaube, das liegt auch an meiner Art zu führen. Mir ist wichtig, klar zu kommunizieren. Auch unangenehme Nachrichten müssen ausgesprochen werden. Viele Mitarbeitende schätzen es, wenn sie wissen, woran sie sind, statt lange auf Antworten zu warten oder nur vage Aussagen zu bekommen. Klare Kommunikation schafft Orientierung. Man muss den Mitarbeitenden Sicherheit geben. Fehler dürfen passieren. Entscheidend ist nicht, dass nie etwas schiefläuft, sondern dass offen darüber gesprochen und gemeinsam daraus gelernt wird. Gerade in den vergangenen Jahren hat sich sehr viel verändert, neue gesetzliche Vorgaben, Digitalisierung und organisatorische Veränderungen bringen viele Umbrüche mit sich. In einer solchen Situation brauchen Mitarbeitende Orientierung und Verlässlichkeit. Ich kann nicht jede Rahmenbedingung verändern, aber ich kann dafür sorgen, dass Entscheidungen nachvollziehbar sind und Klarheit darüber herrscht.

 

Im dualen Team mit der leitenden Oberärztin gemeinsam verantworten Sie unter anderem den Standort Haar. Was macht ihn besonders?

Der Standort Haar unterscheidet sich deutlich von unseren anderen Standorten, denn wir behandeln dort Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen und schweren Entwicklungsstörungen. Viele Patientinnen und Patienten können nicht oder nur sehr eingeschränkt sprechen, manche befinden sich emotional auf dem Entwicklungsstand eines Kleinkindes. Das verändert den gesamten Arbeitsalltag. Mitarbeitende müssen unausgesprochene Bedürfnisse erkennen und Verhaltensweisen richtig interpretieren. Manchmal steckt hinter aggressivem Verhalten beispielsweise eine Verletzung oder  Schmerzen und die Betroffenen können das nicht anders ausdrücken.

 

Welche Auswirkungen hat das auf die tägliche Arbeit?

Es erfordert ein völlig anderes pädagogisches und therapeutisches Denken. Viele Konzepte, die in anderen Bereichen selbstverständlich sind, lassen sich hier nicht einfach übertragen. Ein Beispiel ist unser Deeskalationsmanagement. Klassische Gesprächsstrategien funktionieren bei vielen der in Haar behandelten Kinder nicht. Deshalb müssen wir individuelle Lösungen entwickeln. Wir überlegen ständig neu, wie wir Sicherheit für die Patientinnen und Patienten, aber auch für unsere Mitarbeitenden schaffen. Die Arbeit ist körperlich und psychisch sehr anspruchsvoll. Viele Kinder brauchen intensive Betreuung oder eine Eins-zu-eins-Begleitung. Manche müssen gewickelt werden, andere verletzen sich selbst oder benötigen aufgrund ihrer Erkrankung rund um die Uhr Unterstützung. Für die Teams bedeutet das eine hohe körperliche Belastung und emotionale Herausforderungen. Man braucht nicht nur Fachwissen, sondern vor allem Leidenschaft für diese Arbeit. Hier das geeignete Personal zu finden, ist nicht einfach. Gleichzeitig wurde in den vergangenen Jahren am Standort eine sehr gute Grundlage geschaffen. Die Teams halten eng zusammen und haben schon viele Herausforderungen gemeinsam gemeistert. Darauf können wir jetzt aufbauen. Natürlich wünschen wir uns, perspektivisch weitere Stationen eröffnen zu können und unseren Versorgungsauftrag vollständig zu erfüllen. Dafür benötigen wir aber ausreichend qualifiziertes Personal und eine entsprechende Finanzierung. Beides lässt sich leider nicht herbeizaubern.

 

Parallel begleiten Sie auch die Entwicklung des Standorts Ingolstadt, wo neben der bestehenden Tagesklinik und der Ambulanz eine Adoleszentenstation geplant ist.

Im Moment liegt unser Schwerpunkt auf den bestehenden Angeboten. Wenn der Neubau konkreter wird, werden die ärztliche Leitung des Standorts, Dr. Almut von Foerster, und ich den Aufbau des neuen Bereichs eng begleiten. In dieser Phase wird Präsenz vor Ort entscheidend sein.

 

Bei so viel Verantwortung: Bleibt noch Zeit für Privates?

Ja – und das ist mir auch sehr wichtig. Ich kann nach Feierabend gut abschalten. Meine Familie, mein Partner, unser Hund und mein Freundeskreis geben mir einen wichtigen Ausgleich. Ich komme ursprünglich aus Gars am Inn und habe bis heute enge Verbindungen in die Heimat. Gleichzeitig bauen wir gerade gemeinsam ein Haus in München um. Das kostet zwar viel Zeit und Energie, hilft aber dabei, nach der Arbeit bewusst den Kopf frei zu bekommen.

 

Was motiviert Sie jeden Tag aufs Neue?

Mich motiviert, gemeinsam mit den Teams gute Rahmenbedingungen für unsere Patientinnen und Patienten zu schaffen. Führung bedeutet für mich vor allem, Orientierung zu geben, zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen. Gerade in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie geht es letztlich immer um Menschen – um unsere Patientinnen und Patienten genauso wie um unsere Mitarbeitenden. Wenn Mitarbeitende Orientierung und Sicherheit erleben, können sie diese auch an unsere Patientinnen und Patienten weitergeben. Genau das ist für mich gute Führung.

 

Liebe Frau Schachner, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!