Kommunikation im Stationsalltag: Mehr als nur Worte
Zusammenfassung:
Als Fachpfleger für Psychiatrie und stellvertretender Stationsleiter auf einer Aufnahmestation für affektive Störungsbilder am kbo-Inn-Salzach-Klinikum bringt Samuel Windhör umfangreiche Praxiserfahrung mit. Seit 2021 ist er zudem als Safewards-Trainer tätig und an der Durchführung von Trainerausbildungen beteiligt. Durch diese Rolle und seine kontinuierliche Beschäftigung mit dem Thema hat er sich intensiv mit Kommunikation im Stationsalltag auseinandergesetzt und teilt dazu fundierte Einblicke aus der Praxis.
Von am
Samuel, warum ist Kommunikation ein so zentraler Bestandteil im Stationsalltag – und auch im Kontext von Safewards?
Kommunikation ist die Grundlage unseres gesamten Handelns. Sie beeinflusst, wie wir Situationen wahrnehmen, wie wir sie einordnen und wie wir darauf reagieren und das passiert oft ganz unbewusst. Genau deshalb ist es so wichtig, hier anzusetzen.
Es macht einen großen Unterschied, ob ich über einen Patienten spreche oder mit ihm. Dieser Perspektivwechsel verändert die Dynamik auf Station spürbar und hilft uns, bewusster und professioneller zu handeln.
Wenn wir über Kommunikation sprechen: Worum geht es im Kern?
Viele denken zuerst an konkrete Maßnahmen, die man sehen und anfassen kann. Aber ein ganz wesentlicher Teil sind die sogenannten weichen Faktoren. Also alles, was die Qualität unserer Zusammenarbeit und unserer Kommunikation beeinflusst. Es geht um Haltung, um unser Mindset und eben auch darum, wie wir miteinander sprechen.
Was bedeutet das konkret für den Alltag auf Station?
Im Alltag sind es häufig keine großen Veränderungen, sondern viele kleine Stellschrauben. Was den Umgang mit Patientinnen und Patienten angeht, heißt das zum Beispiel, dass sie aktiver in Gespräche einbezogen werden oder dass man sich bewusst Zeit nimmt, zuzuhören.
Aufs Team übertragen heißt das beispielsweise, dass Übergaben anders gestaltet werden, indem man sich fragt: Wie sprechen wir über den Patienten? Welche Informationen sind wirklich relevant und wie formulieren wir sie?
Wenn wir im Team wertschätzend und ressourcenorientiert sprechen, wirkt sich das direkt auf unsere Zusammenarbeit aus. Gleichzeitig beeinflusst es auch, wie wir den Patienten begegnen. Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen.
Diese kleinen Anpassungen summieren sich und machen am Ende einen großen Unterschied.
Was verändert sich dadurch langfristig im Team?
Ich erlebe, dass Teams reflektierter werden. Viele beginnen, ihr eigenes Kommunikationsverhalten bewusster wahrzunehmen und zu hinterfragen. Es geht weniger darum, Defizite in den Vordergrund zu stellen, sondern stärker darum, Ressourcen zu sehen. Das verändert die Atmosphäre im Team – sie wird oft ruhiger, konstruktiver und offener für Austausch.
Ein zentraler Begriff ist „aktives Zuhören“. Was bedeutet das in der Praxis insbesondere im Umgang mit Patienten?
Aktives Zuhören heißt, dass ich nicht nur höre, was der Patient sagt, sondern wirklich versuche, zu verstehen, was er meint und ihm das auch zurückmelde. Zum Beispiel, indem ich das Gesagte in eigenen Worten zusammenfasse oder neu formuliere. Für den Patienten ist das ein klares Signal: Ich werde gehört.
Und genau dieses Gefühl von Wahrgenommenwerden ist ein wichtiger Baustein für Vertrauen, die Beziehung wird stabiler und viele Situationen eskalieren gar nicht erst.
Gerade in der Psychiatrie kommt es ja immer wieder zu belastenden Situationen für Patienten: Wie kann hier unterstützende Kommunikation aussehen?
Genau, solche Situationen kommen nicht selten vor.Als verschiedene Berufsgruppen – Pflege, Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen oder Therapeuten – begleiten wir diese Situationen eng. Patienten äußern sich dazu direkt oder zeigen es über ihr Verhalten. Umso wichtiger ist es, dass wir das wahrnehmen, einordnen können und sie in dieser Phase aktiv begleiten.
Entscheidend ist dabei, strukturiert vorzugehen und nicht nur punktuell zu reagieren. Es reicht nicht, ein einzelnes Gespräch zu führen. Vielmehr geht es um eine kontinuierliche Begleitung. Viele Teams arbeiten hier mit unterstützenden Materialien oder kurzen Leitfäden, die auch im Alltag sichtbar gemacht werden.
Das sind zum Beispiel kurze Statements oder Impulse, die daran erinnern, wie wir in solchen Situationen kommunizieren und auf Patienten eingehen möchten. So bleibt das Thema präsent und gibt Orientierung – gerade dann, wenn Situationen herausfordernd sind.
Wie gelingt es, positive Veränderungen in der Kommunikation dauerhaft beizubehalten?
Der Alltag ist oft sehr fordernd und unter Stress greifen wir automatisch auf alte Muster zurück – das ist ganz normal. Deshalb reicht es nicht, einmal etwas zu verändern. Man muss kontinuierlich dranbleiben und sich immer wieder bewusst machen, worauf es ankommt. Dranbleiben heißt, das Thema nicht aus den Augen zu verlieren. Es braucht im Team Menschen, die immer wieder Impulse setzen, reflektieren und nachfragen. Also zum Beispiel sagen: „Lasst uns nochmal schauen, wie wir gerade sprechen.“
Unterstützend wirken dabei feste Strukturen wie Schulungen oder regelmäßige Besprechungen. Viele Teams arbeiten außerdem mit kurzen Impulsen, Aushängen oder Leitlinien, die regelmäßig gewechselt werden. So kommt man immer wieder damit in Kontakt.
In der Kommunikation über Patienten geht es auch darum, eine Balance zu finden. Also nicht nur Defizite zu benennen, sondern auch Entwicklungen zu sehen: Wie verändert sich ein Patient? Welche Fortschritte gibt es? Welche Ziele verfolgen wir gemeinsam? Das prägt unser Mindset.
Das große Ziel ist, dass diese Dinge nicht nur theoretisch bekannt sind, sondern irgendwann automatisch umgesetzt werden. Auch in stressigen Situationen.
Was würdest Du Teams mitgeben, die ihre Kommunikation weiterentwickeln möchten?
Sich auf die kleinen Dinge zu konzentrieren und nicht zu viel auf einmal zu wollen. Kommunikation verändert sich Schritt für Schritt. Wichtig ist, überhaupt anzufangen, sich bewusst damit auseinanderzusetzen und offen für Reflexion zu bleiben. Und vor allem: Geduld zu haben – mit sich selbst und mit dem Team.
Vielen Dank für das Gespräch, lieber Samuel.