Prof. Dr. Janine Diehl-Schmid, Chefärztin am Zentrum für Altersmedizin des kbo-Inn-Salzach-Klinikums, erklärt warum Sinnesverluste zu den wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren für Demenz zählen.
Hör- und Sehverlust erhöhen das Demenzrisiko – was Sie tun können
„Use it or lose it“ – dieser Grundsatz gilt besonders für unser Gehirn. Wer schlecht hört oder sieht, setzt sein Gehirn dauerhaft unter Stress oder unterfordert es – beides kann das Demenzrisiko erhöhen.
Warum Sinnesverluste zu den wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren zählen und wie einfach man gegensteuern kann, erklärt Prof. Dr. Janine Diehl-Schmid, Chefärztin am Zentrum für Altersmedizin des kbo-Inn-Salzach-Klinikums.
Warum sind Hör- und Sehschwäche Risikofaktoren für Demenz?
Wenn das Hören oder Sehen nachlässt, muss das Gehirn stärker arbeiten, um fehlende Informationen auszugleichen. Diese Daueranstrengung bindet kognitive Ressourcen. Bei ausgeprägten Einschränkungen passiert das Gegenteil: Es fehlen Reize. Hirnregionen, die für Hören und Sehen zuständig sind, werden weniger aktiviert ebenso wie angrenzende Gedächtnisareale. Nervenzellen bauen sich schrittweise ab.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: soziale Isolation. Gespräche werden anstrengend, Betroffene ziehen sich zurück. Das schwächt die sogenannte „Gehirnreserve“, also die Widerstandskraft gegenüber krankhaften Prozessen wie bei Alzheimer.
Wie stark ist der Zusammenhang laut Forschung?
Die renommierte Lancet Commission on Dementia Prevention zählt Hörverlust seit Jahren zu den stärksten modifizierbaren Risikofaktoren für Demenz. Insgesamt wurden 14 beeinflussbare Risikofaktoren identifiziert, darunter Bluthochdruck, Diabetes, Depression, Bewegungsmangel, Rauchen und soziale Isolation.
Würden alle diese Faktoren reduziert, könnten weltweit bis zu 45 Prozent der Demenzerkrankungen verhindert oder hinausgezögert werden. Allein die Korrektur von Hör- und Sehschwächen könnte laut Expertenschätzungen rund zehn Prozent aller Demenzen vermeiden oder deutlich verzögern. Besonders relevant: Etwa ein Drittel der Menschen über 65 Jahre hat eine behandlungsbedürftige Hörminderung, doch nur ein Teil nutzt Hörgeräte.
Warum ist Hörverlust so bedeutsam?
Hörverlust wirkt auf mehreren Ebenen:
- Kognitive Überlastung: Das Gehirn muss ständig „mitraten“.
- Weniger Stimulation: Nervenzellen werden seltener aktiviert.
- Sozialer Rückzug: Gespräche werden vermieden.
Dieses Zusammenspiel begünstigt langfristig kognitive Abbauprozesse.
Die gute Nachricht: Wird eine Hörminderung frühzeitig erkannt und mit Hörgeräten versorgt, kann das Gehirn entlastet und die geistige Leistungsfähigkeit stabilisiert werden.
Welche Rolle spielt Sehschwäche?
Auch Sehbeeinträchtigungen erhöhen das Demenzrisiko – unabhängig von der Ursache. Entscheidend ist das Ausmaß der Einschränkung. Häufige Ursachen sind Kurz- oder Weitsichtigkeit sowie Astigmatismus. Erkrankungen wie Grauer Star (Katarakt), Makuladegeneration oder Glaukom können teils rasch zu schweren Einschränkungen führen.
Studien zeigen: Nach einer Katarakt-Operation haben Betroffene langfristig ein geringeres Demenzrisiko als unbehandelte Vergleichsgruppen.
Ab wann sind Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll?
- Hör- und Sehtests sollten ab etwa 55 Jahren regelmäßig, idealerweise alle zwei Jahre, erfolgen.
- Bei familiärer Vorbelastung, starker Lärmbelastung oder subjektiver Verschlechterung auch früher.
Grundsätzlich gilt: Je früher, desto besser – aber es ist nie zu spät. Auch Menschen mit bereits fortgeschrittener Demenz profitieren von Hörgeräten oder Sehhilfen.
Kann die Gürtelrose-Impfung vor Demenz schützen?
Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass die Gürtelrose-Impfung (Herpes Zoster) das Risiko für kognitive Beeinträchtigungen senken könnte.
Hintergrund: Das Varizella-Zoster-Virus verbleibt nach einer Windpockeninfektion im Nervensystem. Eine Reaktivierung (Gürtelrose) kann entzündliche Prozesse im Gehirn auslösen – ein möglicher Risikofaktor für Demenz.
Zudem könnte die Aktivierung des Immunsystems durch die Impfung schützende Effekte haben. Die Studienlage ist vielversprechend, randomisierte Langzeitstudien stehen jedoch noch aus.
Wichtig: Die Gürtelrose-Impfung wird unabhängig von einer früheren Windpockeninfektion empfohlen.
Was schützt das Gehirn am besten?
Neben der Korrektur von Hör- und Sehschwächen empfehlen Expertinnen und Experten:
- regelmäßige Bewegung
- geistige und soziale Aktivität
- Behandlung von Bluthochdruck, Diabetes und Depression
- Rauchverzicht
- maßvollen Alkoholkonsum
- gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf
Eine Impfung kann ein zusätzlicher Baustein sein, ersetzt jedoch keinen gesunden Lebensstil.