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Krisendienst Psychiatrie unterstützt in belasteter Zeit

Dr. Michael Welschehold

Der Psychiater Dr. Michael Welschehold über Arbeit des Krisen-Netzwerkes während der Coronakrise

0180 / 655 3000: Den Krisendienst Psychiatrie erreichen derzeit Anrufe von Menschen, die durch die Coronakrise in seelische Nöte geraten sind. Dr. Michael Welschehold, ärztlicher Leiter der Leitstelle des Krisendienstes Psychiatrie, berichtet im Interview von der aktuellen Lage und der Arbeit des Krisen-Netzwerkes. Darüber hinaus gibt der Psychiater Tipps, um durch diese schwierige Zeit zu kommen.

Hat sich die Zahl der Anrufe beim Krisendienst seit Beginn der Coronakrise verändert?

Dr. Welschehold: Derzeit gehen im Durchschnitt rund 140 Anrufe pro Tag ein, wir erleben dabei ein tägliches Auf und Ab – abhängig von der tagesaktuellen Berichterstattung über das Coronavirus. An dem Tag, als die Ausgangsbeschränkungen erstmals verkündet wurden, hatten wir beispielsweise 180 Anrufe, also einen deutlichen Anstieg. Auch rechnen wir damit, dass, je länger die Beschränkungen andauern, mehr Menschen in seelische Notlagen geraten können. In der Leitstelle des Krisendienstes sind wir auf diese Situation aber gut vorbereitet.

Wie genau läuft so ein Erstgespräch am Telefon ab?

Dr. Welschehold: Alle Anrufenden haben sofort einen Profi an der Leitung. Unsere Krisenexperten und -expertinnen fragen nach dem Grund des Anrufes, sie hören zu und ergründen, worin die akute seelische Notlage besteht und was sie ausgelöst hat. Gemeinsam mit den Anrufenden klären wir die Situation und, wie eine sinnvolle Hilfe aussehen kann. Dieses Zuhören und der Austausch mit uns führen bei vielen Anrufenden meist zu einer spürbaren Entlastung.

Welche Tipps geben Sie zur Bewältigung dieser Situation?

Dr. Welschehold: Die aktuelle Situation trifft uns alle. Erfreulicherweise gibt es neben den Sorgen auch viel Solidarität und Angebote, wie man sich gegenseitig unterstützen kann. Wir empfehlen, sich für die viele Zeit, die man jetzt zuhause verbringt, einen festen Tagesablauf zu geben. Wenn der Tag eine sinnvolle Struktur hat, kommt man mit vielen Anforderungen besser zurecht. Ich rate auch davon ab, sich übermäßig mit dem Coronathema zu beschäftigen, also dauernd im Internet unterwegs zu sein und ständig nach neuen Informationen zu suchen. Das hilft niemandem weiter. Seine Informationen sollte man zudem nur aus seriösen Medien wie einer Tageszeitung ziehen. Und: Es tut gut, für zwei Tage eine Nachrichtenpause einzulegen. Das entlastet die Seele spürbar. Die frei gewordene Zeit kann man für Dinge verwenden, die der Seele auch sonst guttun: Kochen, gut Essen, Handwerken, Musik hören oder selbst musizieren, sich künstlerisch betätigen, mit Angehörigen und Freunden telefonieren – da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Bewegung und sportliche Betätigung tun ebenfalls gut, und selbst in häuslicher Umgebung ist vieles möglich.

Was halten Sie für besonders wichtig?

Dr. Welschehold: Vor allem das persönliche Gespräch am Telefon mit Angehörigen und guten Freunden finde ich zurzeit enorm wichtig, da es Nähe schafft, man einem anderen Menschen seine Aufmerksamkeit schenkt und so selbst Gutes tut.

Können Sie beim Krisendienst die Anliegen im Gespräch klären?

Dr. Welschehold: Tatsächlich lassen sich viele Notlagen bereits am Telefon soweit auflösen, dass die Betroffenen am Ende des Gesprächs wieder Zuversicht und Orientierung haben, welche konkreten nächsten Schritte sie tun können, um aus ihrer Krise herauszufinden. Genau das jeweils Mögliche und Passende in der Krisensituation zu finden, dafür sind die Mitarbeitenden der Leitstelle geschult und kompetent.

Und wenn das Gespräch nicht ausreicht. Wie gehen Sie dann vor?

Dr. Welschehold: Natürlich gibt es auch Situationen, in denen das Erstgespräch allein nicht ausreicht. Dies ist vor allem in Verbindung mit akuter Selbst- oder Fremdgefährdung der Fall, wenn in einer Familie das Kindeswohl gefährdet scheint, oder wenn ein Betroffener sich in seiner Verzweiflung, Hilflosigkeit oder Verwirrtheit überhaupt nicht mehr um seine eigenen Belange kümmern kann und völlig überfordert ist. In solch zugespitzten Notlagen – das war im Jahr 2019 über 2000 Mal der Fall – kommen die Einsatzteams des Krisendienstes zum Zug: Sie werden von der Leitstelle über die Situation informiert. Sie suchen die betroffenen Personen entweder zu Hause auf oder treffen sich mit ihnen in einer Beratungsstelle oder an einem sonstigen Platz.

Gibt es diese Einsatzteams in ganz Oberbayern?

Dr. Welschehold: Ja, in jedem der 20 oberbayerischen Landkreise und den kreisfreien Städten München, Ingolstadt und Rosenheim stehen unsere Einsatzteams werktags von 9 bis 21 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen von 13 bis 21 Uhr zur Verfügung. Sie bestehen immer aus zwei Fachleuten: Psychologen, Sozialpädagogen oder Fachpflegekräfte beispielsweise für Psychiatrie. Insgesamt wirken über 700 Mitarbeitende in diesem Netzwerk mit. Die mobilen Einsatzkräfte leisten in dieser für uns alle schwierigen Zeit großartige Arbeit.

Sind die aufsuchenden Angebote derzeit uneingeschränkt verfügbar?

Dr. Welschehold: Im Prinzip bis heute ja! Allerdings müssen wir auch von Seiten des Krisendienstes alle geltenden Regelungen bestmöglich zu befolgen. Das heißt, unsere Einsatzteams halten selbst streng die Abstandsregelungen ein und achten auf die Hygienevorschriften. Da dies in den Räumen der Beratungsstellen meist leichter ist, versuchen wir derzeit die persönlichen Gespräche überwiegend dort zu führen. Falls die mobilen Teams einen Hausbesuch machen, versuchen sie auch vor Ort das Ansteckungsrisiko möglichst gering zu halten. Eine Möglichkeit ist, das Gespräch im Freien zu führen. Wenn die Umstände es erfordern, sind auch unsere Einsatzteams in Schutzkleidung tätig. Wichtig ist für uns bei allem immer, dass Menschen in einer seelischen Notlage, die Hilfe erhalten, die sie brauchen.

Wie erkennt man als Betroffener, dass es Zeit ist sich professionelle Hilfe zu holen?

Dr. Welschehold: Es gibt keine zu kleinen Sorgen für einen Anruf bei uns. Entscheidend ist immer, wie sich die Person, die Hilfe braucht, fühlt. Wenn jemand aus dem Kreislauf der Selbstbeschäftigung und der Belastung nicht mehr herausfindet, ist Hilfe nötig. Das Maß, wann die Grenze des Aushaltbaren erreicht ist, ist jeweils individuell. Beim Krisendienst weisen wir niemanden zurück. Jeder Mensch in seelischer Not kann und darf bei uns anrufen. Je eher, desto besser! Wichtig ist uns nur: Für Fragen zu den somatischen, also den körperlichen Folgen einer Corona-Infektion sind wir die falsche Adresse. Wir kümmern uns um alle seelischen Sorgen und Nöte, die die aktuelle Situation auslösen kann.

Welche langfristigen Folgen hat diese sorgenbelastete Zeit für die Psyche?

Dr. Welschehold: Darüber kann man derzeit noch keine belastbaren Aussagen treffen, da die Krise ja noch nicht so lange dauert. Insgesamt befinden wir uns in einer Zeit der Unwägbarkeiten und Unsicherheiten, die Menschen seelisch belasten können. Besonders gefährdet sind Menschen, die durch eine psychische Erkrankung wie eine Depression, Angststörung oder Psychose vorbelastet sind, oder die gerade eine psychische Erkrankung überwunden haben. Für sie ist es jetzt besonders wichtig, sich rasch Hilfe zu holen, wenn sie bemerken, dass sie nicht mehr allein zurechtkommen. Sie sollten uns lieber früher als zu spät anrufen, um möglichst vorzeitig eine Krise abzufangen.

Kann die aktuelle Lage seelische Erkrankungen, die in normalen Zeiten nicht aufgetreten wären, auslösen?

Dr. Welschehold: Wenn jemand vor der Coronakrise bereits massiv seelisch unter Druck stand, kann die aktuelle Situation das berühmte Fass zum Überlaufen bringen. Durch die Belastung kann getriggert werden, was vorher gerade noch unter Kontrolle war. Deshalb möchten wir betroffene Menschen sehr dazu ermutigen, sich bitte bei uns zu melden, wenn sie fühlen, dass sie nicht mehr klarkommen. Spätestens dann ist der Zeitpunkt erreicht, sich auch wirklich fachliche Hilfe zu holen. Genau dafür ist der Krisendienst da – auch und vor allem in der aktuellen Lage.  

Das Interview führte Constanze Mauermayer, Bezirk Oberbayern.

 

 

 

 

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